Mit Goethe in Portugal

Wie war das eigentlich in Lissabon beim Goethe-Institut? Vom 24. bis 28. Oktober war ich dort. Eine Reise in Fragmenten.

Erster Tag: Der Rezeptionist des Hotels sagt, der Aufzug gehe nicht, weil es am Vortag so schlimm geregnet habe. Das Orkantief Christian war da. Ich wohne im vierten Stock. /
Ich treffe Lisa, die ich von Slams und aus der Schweiz kenne. Wir gehen in ein uriges portugiesisches Restaurant. Es ist ausgeleuchtet wie ein offener Kühlschrank. „Ist hier immer so, alles taghell, wenn es was zu essen gibt.“ Wir haben Glück: Es beginnt wieder, heftigst zu regnen und der Strom fällt aus. Kerzen kommen zum Fisch auf den Tisch. Sehr heimelig. Am Nebentisch: Deutsche. Sie singen Happy Birthday für Carsten. /
Wir ziehen weiter in einen Billard-Salon mit Kellnern im Frack und treffen ein paar Griechen. Einer hat seine Eltern dabei, sie zahlen alles.

Zweiter Tag: Clara Nielsen ist jetzt auch da. Wir werden zusammen im Goethe Institut auftreten. Wir haben weder Ahnung noch Stadtplan und fahren erstmal mit der Metro an den Hafen, von dort ziellos weiter durch die Stadt. Wir finden zufällig den berühmten Aufzug, der wie der Eiffelturm aussieht, weil ein Schüler von Eiffel ihn gebaut hat. In der Schlange davor: Deutsche. Einer erzählt von seinem Kran zuhause. /
Wir laufen über einen Markt mit Käse und Wein und halben Schweinen und allem, was gut riecht. Wir haben Hunger, es wird dunkel und zwei Minuten später stehen wir mitten im Gewitter. Wir rufen Lisa an, sie gibt Anweisungen, welche Tram wohin zu nehmen ist. /
Die Trams sind gleichermaßen historisch wie beengend. Zehn Sitzplätze pro Wagen, mehr als einen Wagen hat so eine Tram nicht. Es gibt keine Haltestellenanzeige, auch keinen Fahrplan. Bei jeder Haltestelle strecken wir die Köpfe aus den offenen Fenstern und schauen, ob wir richtig sind. Wir fahren trotzdem zu weit. /
Die Tram auf dem Rückweg ist mit etwa fünfzig Leuten doppelt überfüllt. Ich quetsche hinter dem Fahrer und sehe zu, wie er an Kurbeln kurbelt und Knöpfe drückt. Wir drängen ein Auto hundert Meter lang in den Rückwärtsgang, können ja selbst nicht ausweichen. Die Straßen sind sehr eng. Wir halten zehn Minuten lang vor einer roten Ampel, dann wird es dem Fahrer zu blöd und er fährt drüber. /
Nach drei Stunden durch die Stadt sind wir im Restaurant, taghell ausgeleuchtet, es gibt Fisch. Am Nebentisch sitzt ein Berliner mit einem Schal, auf dem BERLIN steht und lauscht heimlich unseren Gesprächen.

Dritter Tag: Heute ist der Auftritt. Ich habe schlimmen Unterschenkelmuskelkater von der hügeligen Stadt und kann jetzt schon „Obrigado“ wie ein Portugiese sagen. Eine Frau müsste „Obrigada“ sagen. Ist dann aber wiederum auch egal, da man das Wort hinten eher verschluckt. Heißt übrigens „Danke“. /
Wir gehen mit Marcel, einem Portugiesen, Toast essen, den man meterweise bestellen kann. Ich und Marcel nehmen zusammen 40 Zentimeter, Belag: Fleisch mit Fleisch, dazu Fleischpaste. Clara nimmt Veggie. Sie schafft ihre Portion. Mir wird schlecht. /
Wir geraten erst in eine Massendemonatration gegen den Finanzkapitalismus und die Troika, dann in einen Marathon, schließlich wieder an den Hafen. Nebenan wird schwäbisch gesprochen. Wir schauen aufs Wasser und auf die Jesus-Figur am andern Ufer. /
Abend: Im Goethe-Institut treffen wir erwartungsgemäß Deutsche. Ist also auch nicht anders wie in der ganzen Stadt. Wir treten als Ausklang einer Deutschlehrerkonferenz auf. In der Raucherecke freunde ich mich schon mal mit dem jungen Teil des Publikums an, bestehend aus vier Leuten. Der Wein beginnt, zu fließen. /
Wir treten auf und es läuft wie zuhause. Gut. Später wird mir wie immer gesagt werden, ich habe manchmal etwas arg schnell vorgelesen. Dabei drossle ich mich permanent selbst, damit auch alle Portugiesen mitkommen können. Am besten kommt mein historischer Französisch-Schulbuch-Text an. Vor Lehrern war das fast zu erwarten. /
Der letzte Programmpunkt, im offiziellen Dokument als „Umtrunk“ umschrieben, weitet sich über das Institut hinaus aus, wir gehen in eine kleine Bar mit 12 Plätzen, in der sonst noch niemand ist. Jetzt ist sie übervoll. Weil wir deutsch sind, bauen wir erstmal um und schieben Tische durch die Gegend. Es füllt sich, irgendwann beginnt ein Gitarrenspieler mit Live-Musik und irgendwann danach merke ich, dass es mindestens zwei Wein/Bier/Divers zuviel für mich waren. /
Das Taxi fährt mich nach Hause. Dass ich nur 200 Meter vom Hotel entfernt war, konnte ich ja nicht wissen. Dafür fahren wir ein paar Mal im Kreis, damit es sich lohnt. /
Der Nachtportier begrüßt mich mit meinem Schlüssel in der Hand und den Worten: „Here he is. Our last guest coming home. Again.“

Vierter und letzter Tag: Tolles Wetter, Sonnenschein. Franzi, die Praktikantin des Goethe-Instituts, fragt, ob wir mit ans Meer wollen. Wollen wir. Wir fahren eine halbe Stunde Zug nach Cascais. /
Die Damen stehen am Strand und tauschen sich aus. Mich packt der Spieltrieb, ich ziehe die Schuhe aus, schiebe die Hosenbeine hoch und wate und hüpfe im Meer. Die Flut setzt ein. /
Sehr viele Kettkars auf der Straße, scheint man irgendwo ausleihen zu können. Mein heimliches Ausschauhalten nach der Verleihstation zeigt keinen Erfolg. /
Heute keinen Fisch, wir gehen zum Inder. Danach fühle ich mich sehr als Tourist und kaufe einen handbemalten portugiesischen Hahn aus Porzellan, auf dem Markt noch Weihnachtsgeschenke für die Neffen. Zurück nach Lissabon. /
Abend: Clara ist das Essen nicht gut bekommen, sie übergibt sich leidenschaftlich und wiederholt bei Franzi zuhause. Währenddessen treffe ich Franzi und Julia auf dem Dach eines Parkhauses. Unten keinerlei Hinweis darauf, was sich oben abspielt. Man fährt mit dem Fahrstuhl fünf Stockwerke hoch, auf dem Dach ist dann ein Paradies mit Pflanzen, Palmen, Brückchen, Tischen, Bar und einzigartigem Ausblick über die Stadt. Die Jesusfigur drüben am anderen Ufer leuchtet über die sieben Hügel. Am Nebentisch: Deutsche und Linda de Mol. Klingt komisch, war aber so. Ich endscheide mich dagegen, nach einem gemeinsamen Bild zu fragen. Dem Aufmerksamkeitsgebaren aller zwölf bis zwanzig Leuten nach zu urteilen haben sie irgendwas fürs Fernsehen dort gemacht. /
Die Bar schließt viel zu früh, ich wechsle die Dachterrassen und verbringe eine weitere Stunde auf meinem Hotel.

Fünfter Tag: Leichte Turbulenzen beim Landeanflug auf Frankfurt. Andere hat’s schlimmer getroffen. Christian ist da.

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