Merkwürdige Dialoge (31): Wurst, normal

Was darfs sein?“
„Salami, die da.“
„Wieviel Gramm?“
„Weiß ich nicht. Für zwei Brötchen. Machen Sie mal — 14 Scheiben.“

Soll ich das normal schneiden?“
Was?“
Soll ich das normal schneiden?“

Ich verstehe die Frage nicht ganz und bin mir auch nicht sicher, ob sie nun mit mir oder mit sich selbst geredet hat. Manchmal spricht man ja unbewusst Dinge floskelhaft vor sich hin, die man weder so meint noch mit einer Reaktion darauf rechnet, „Hallo, wie geht’s dir?“ zum Beispiel, oder „Das Essen war hervorragend, Komplimente an die Küche“, oder „Fassen Sie mich nicht an, ich bin besser als Sie.“
Was will mir die Frau mitteilen? Sie fragt noch einmal, schon etwas verunsicherter:

Soll ich das normal schneiden?“

Da sie anscheinend wirklich eine Antwort erwartet, tue ich ihr den Gefallen:
„Nein! Schneiden Sie das bitte völlig abnormal! Pervers! Grotesk! Lassen Sie Ihrer Phantasie da mal ganz freien Lauf.“

Sie wirkt nun etwas verunsichert, auch leicht gekränkt.

Und ich frage mich: Was ist das für eine Berufsauffassung? Die Frau schneidet am Tag so viel Wurst in so viele Scheiben, wie die deutsche Durchschnittsfamilie in einem ganzen Jahr in sich hineinfrisst. Es sei denn, die Familie bestünde nur aus Vegetariern, dann wäre der Vergleich recht schwach – aber das wäre eine Familie aus Vegetariern auch.
Davon aber mal ganz abgesehen: Wie kommt sie, die Fachfrau, die Herrin über Lyoner, Mett und Gesichtswurst, überhaupt auf die Idee, mich, den Laien, zu fragen, wie sie ihre Arbeit verrichten soll? Wenn das jeder machen würde …

Fragt der Architekt den Bürgermeister: „Soll ich die Brücke ganz normal bauen, oder lassen wir diesmal eine Lücke in der Mitte? Entscheiden Sie das mal.“ Darauf der Bürgermeister: „Aber vorher sagen Sie mir, ob ich meine Eröffnungsrede am Weinfest ganz normal halten soll – oder doch lieber währenddessen einen aufblasbaren Dinosaurier ficken? Ich weiß es einfach nicht.“

Da hatten es die Budapester Prostituierten mit den Vertretern der Hamburg Mannheimer vergleichsweise einfach. Die mussten nur auf ihr Handgelenk schauen und wussten: Aha, rotes Bändchen, ich bediene die „normale“ Klientel ganz „normal“. Weißes Bändchen, aha, ich bin der Chefetage und den Top-Vertretern vorbehalten und dafür da, bei jeder vorstellbaren sexuellen Abartigkeit mitzumachen. Leistung muss sich wieder lohnen … Aber ich schweife ab.

Soll ich das ganz normal schneiden?“, fragt sie wieder. Ich beginne, ernsthaft über die Frage nachzudenken.
„Sie können sich dabei natürlich auch einen lustigen Partyhut aufsetzen oder einen Kopfstand machen, wenn das Ihnen mehr Spaß bringt. Oder Sie schneiden zur Abwechslung mal mit den Füßen. Ich stelle das dann gerne auf YouTube. Aber können Sie mir mal sagen, was Sie eigentlich mit Ihrer Frage in Erfahrung bringen wollen?“
„Na, ob dicke oder dünne Scheiben.“
„Ach, machen Sie das mal ganz normal.“

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4 Gedanken zu “Merkwürdige Dialoge (31): Wurst, normal”

  1. Ich finde das nicht gerade nett, der armen Fleischereifachverkäuferin die Normalität ihres Alltags zu nehmen. Was bleibt denn dann noch? Eine abnorme Fleischereifachverkäuferin? So was will doch keiner haben!

    Ich möchte meine gesellschaftskonform-normale Fleischwurst bitteschön von gesellschaftskonform-normalen Fleischereifachverkäuferinnen auf gesellschaftskonform-normale Art und Weise geschnitten haben, so einfach ist das.

  2. …“ich bin der Wurstfach, ich bin der Wurstfach, ich bin der Wurstfachverkäuferin. Denn die Wurst, ja die Wurst ist mein Lebenssinn…“
    Mein Helge-Schneider-Zitat zu diesem Dialog, der mir höchst unspontan in den Sinn kam. Vermutlich standet ihr gar hintereinander im selben Metzgereifachgeschäft?
    Zitat 2: „Ich hätte gerne ein Stück von der fetten Groben“. Antwort hinter der Theke: „Tut mir leid, aber die hat heute Berufsschule.“

Meine wichtige Meinung hierzu:

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