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EILMELDUNG
Montag, 23. November, 15 bis 16 Uhr
Sololesung meinerseits:
„Geschichten aus der Bildungsschicht“
in der besetzten U7 (An der Universität 7)
Bamberg
Gespeichert unter: Gastblogger | Schlagworte: Casjen Ohnesorge, Georgien, Saakaschwili
Casjen Ohnesorge war Bestandteil des legendären Poetry Slam Teams „Ritter ohne Sorge von der traurigen Gestalt“ (später: „Horse Gin Retorte“), das es im Jahr 2005 in Leipzig ins Finale des Teamwettbewerbs schaffte – weil es keine Vorrunden gab. In eben diesen war bei Auftritten in den Folgejahren für das Team der Ofen aus. Derzeit lebt Casjen in einer dürftig geheizten Wohnung in Tiflis, Georgien, unterrichtet an der dortigen Universität Deutsch und bemüht sich, Poetry Slam auch in Russland und Usbekistan salonfähig zu machen. Außerdem versendet er in altmodischer Manier geistreiche und unterhaltsame Newsletter über sein Dasein. Der folgende Text stammt aus einem solchen:
Vom Staatspräsidenten an Studenten
(von Casjen Ohnesorge)
Ein von den örtlichen Medien viel beachteter Besuch des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili fand an der staatlichen Ilia Tschawtschawadse Universität in Tbilisi statt
Man muss auf der Liste stehen, wenn der Präsident kommt. Das ist in vielen Ländern so. Wenn man nicht auf der Liste steht, bittet man einen Kollegen, der sich bemüht und man hofft, dass man irgendwann durchgewunken wird. Das ist hier so, in Georgien. Und es hat funktioniert. Zum Glück.
Etwa fünfzig Studenten warten in einem adretten Vorlesungssaal der staatlichen Ilia Tschawtschawadse Universität in Tbilisi. Sie erwarten Micheil Saakaschwili, einen Mann, über den in den letzten Jahren viel geschrieben wurde.
Zunächst galt er als Hoffnung des Westens, als junges Gesicht der Rosenrevolution im Jahr 2003, als Garant für ein demokratisches, freiheitliches Georgien. Dann trat er als machtbewusster Politiker auf, nur eingeschränkte Meinungsvielfalt zulassend und Protesten mit harten Polizeieinsätzen begegnend und schließlich wurde er bekannt als der Mann, der, provoziert von den nach Autonomie strebenden Süd-Osseten und Russland im letzten August einen für Georgien katastrophal endenden Krieg befahl. Das Resultat dieses Krieges war der de-facto Verlust von Süd-Ossetien und Abkhasien, die Anerkennung der beiden Gebiete als autonome Staaten durch Russland, die Zerstörung von Infrastruktur sowie die Vertreibung von vielen Tausend Georgiern.
Ihm werden die typischen Politikerkrankheiten nachgesagt: Egomanie und Großmannssucht – aber auch Charisma, unbändige Energie und Unberechenbarkeit. Er hat einiges erreicht. Die Korruption in Polizei und Behörden ist unter Kontrolle gebracht worden. Er lebt noch.
Er tritt in den Raum, überfallartig, ohne Ankündigung und Applaus, nimmt das Mikro und fängt an. Er lobt den Namensgeber der Universität, den großen Dichter und Reformer, Ilia Tschawtschawadse, der seine Reformbemühungen letztendlich mit dem Tod bezahlt habe. Er, er lebt noch. Er hält das Mikro mit verschränkten Händen umklammert. Die Anspannung löst sich im Rhythmus seiner lauten, eindringlichen Worte. Auf einer Landkarte zeigt er den Studenten die Achse der niedrigen Korruption, zwischen Singapur und Dänemark, mit Georgien in zentraler Position, die Achse der Wirtschaftsfreundlichkeit von China quer über die westliche Welt direkt durch Georgien und die Achse der Korruption und Wirtschaftsfeindlichkeit, die von Russlands einer Grenze zu Russlands anderer Grenze verläuft. Wie wichtig die Bildung sei, betont er und malt mit unsicherer Hand die beiden Dreiecke seines Bildungsgerüsts auf. Das Erste beinhaltet die Ecken Geschichte, Georgische Sprache und Wehrkunde das zweite Computerfertigkeiten, Mathematik und Fremdsprachen. Die Kameras zeichnen auf wie anschließend drei Vorzeigestudenten Fragen stellen. Zum Bildungssystem, zu den abtrünnigen Gebieten. Die Fragen sind nicht kritisch und die Antworten werden am nächsten Tag landesweit in fast allen Medien zu sehen sein.
Die Antworten sind ein Fluss, ein Rausch, wie das schnelle Leben. Alles ist geklärt. Der Präsident hat seine tägliche Dosis. Applaus. Bis 2013 noch. Dann wird ein Anderer Präsident werden. Er bedankt sich. Er lebt noch. Er verschwindet.
Gespeichert unter: Merkwürdige Dialoge | Schlagworte: Deutsch, Klausur, Lehrer, Schule
Vor einer kleinen Weile in einer Großstadt Nordrhein-Westfalens. Ich bin in einer WG zu Gast und helfe einer Referendarin beim Korrigieren einer Deutsch-Klausur einer siebten Klasse. Irgendwas mit Wilhelm Tell. Sie hat nicht wirklich Bock drauf, ich umso mehr. Die positiven Seiten des Lehrerdaseins sprechen mich durchaus an. Solange man es nur einmal im Jahr macht, ist eine Klausurkorrektur als sehr positiv und spaßig zu empfinden. Wir trinken Kölsch und lesen uns die lustigsten Fehler gegenseitig laut vor. Es kommt zu einem Wertekonflikt.
Sie: Okay, wir haben noch 5 Arbeiten. Ich hab hier mal den vorläufigen Notenspiegel.
Ich: Und?
Sie: So sieht das nicht schön aus. Wir haben so viele Zweier und nur eine Fünf. Da fehlt noch was im Dreier- bis Viererbereich.
Ich: Das heißt?
Sie: Das heißt, dass mindestens drei der Arbeiten, die wir noch nicht angeschaut haben, höchstens eine Drei kriegen dürfen.
Ich: Wie kriegen wir das hin?
Sie: Wir sind einfach gemein.
Andersrum geht’s natürlich auf.
Sie: Waaas? Du willst dem eine Drei minus geben?
Ich: Ja, sicher. Hast du dir das mal durchgelesen?
Sie: Der kriegt von mir sonst immer eine Eins.
Ich: Der kann keinen geraden Satz schreiben. Und wenn die Sache mit dem Doppel-s kein Wiederholungsfehler wäre, hätte er jedes dritte Wort falsch.
Sie: Aber …
Ich: …
Sie: Aber der ist immer so nett zu mir.
Ich: Mit ner Drei minus kommt er noch ganz gut weg. Ich hab extra ein paar Sachen übersehen.
Sie: Er wird bestimmt weinen.
Ich: …
Sie: Wenigstens ne Drei plus?
Ich: Du bist die Lehrerin.
Sie: Er kriegt ne Zwei minus!
„Jetzt noch mal genau so, nur anders.“
„Ein bisserl weniger cool.“
„Zeig mir, dass du da raus willst.“
„Und einmal grimmig.“
Als Bonus zum Lesebeitrag im Rahmen der on3-Lesereihe gab es doch tatsächlich ein Fotoshooting. Olli (a.k.a. Peemaster Grand) und ich, die Kontrahenten gestern Abend in Würzburg, fragten uns schon vor der Türe gegenseitig, weshalb wir drei Stunden vor Beginn da sein sollten. Die Antworten: Posing und Leckereien. Die netten Damen und Herren des Bayerischen Rundfunks luden uns schick zum Essen ein (glaube ich zumindest, kann auch sein, dass ich die Zeche geprellt habe) und dann ging es fast pünktlich und ohne Längen überbrücken zu müssen vor ausverkauftem Haus los.
Unsere exklusiv angefertigten Texte waren beide grandios – glaubt man dem Publikum, das mich mit kanappen drei Stimmen Abstand zum Zweiten (man könnte auch sagen: Letzten, Verlierer, Abschaum, Loser, Donk, …) wählte. Da ich aber zum Termin des Lesereihen-Finales in München eh schon was vor habe, halb so schlimm – nö, gar nicht schlimm. Nie habe ich lieber verloren als gestern. Also echt jetzt. Ganz, ganz wirklich. Außerdem gab’s Pantoffeln als Dankeschön. Von den reißenden Gagenströmen im Hintergrund ganz zu schweigen. So bekommt man immerhin seine Gebühren zurück.
Das, worum es in der Hauptsache ging, meinen Text nämlich („22 km“), kann man sich online jetzt reintun. Ollis Text („Michaels Ende – ein modernes Märchen“ – allein der Titel schon!!) empfehle ich genauso, durch Klick auf’s Bild landet man erst mal bei meinem. Viele Späße!


