Sterben auf Facebook :(

An sich stürbe ich ja schon ungern. Wenn ich aber sehe, wie mit dem Tod, vor allem dem Unfalltod, auf Facebook umgegangen wird, vergeht mir jegliche Lust darauf. Ohne konkret Bezug nehmen zu wollen: Ich folge da auch einigen Regionalberichterstattern, die als Hobby nebenher Zeitungen heraus geben. Da steht dann also zwei bis drei Mal täglich, dass sich ein tragischer Unfall ereignet hat und dieser und jener infolgedessen gestorben ist. Soweit ja meinetwegen okay, außer Sensationsberichterstattung und dem Wetterbericht haben die ja nix, was sie als Neuigkeit verkaufen können.

Und dann kommen die Kommentatoren und Liker. “Likes werten wir als Beileidsbekundungen” schreiben manche Seiten noch dazu, oder die Kommentatoren gleich selbst. “Mein Like drückt das Beileid für die Angehörigen aus.” Ja, das wird die Angehörigen sicherlich trösten.
“Kuck mal, immerhin 31 Likes hat er bekommen, weil er von dem Laster plattgefahren wurde. Ja Gott sei Dank. Zum Glück fühlen die Menschen mit uns” werden sie sagen, die Angehörigen.

Und ganz sicher werden ihnen auch die beliebtesten Kommentare über ihre schwere Zeit hinweghelfen: Die Smileys mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Geht’s noch?
Facebook ist ja an sich schon das perfekte Instrument dafür, sich die Dummheit der Menschheit tagtäglich bestätigen zu lassen und sie auf immer zu konservieren.
Weshalb muss man überhaupt den Tod eines Unbekannten kommentieren? Und wenn man sich schon dazu hinreißen lässt, könnte man es bitte auf eine Weise machen, die nicht durchblicken lässt, dass man sich eine halbe Minute damit beschäftigt hat, schließlich in seiner Beschränktheit zu nichts anderem fähig war, als einen Doppelpunkt und eine Klammer-auf zu tippen und das womöglich noch irgendwie selbst als trostspendend/aussagekräftig/irgendwie bedeutend zu werten?

Es gibt grade keinen konkreten Fall, der mich das schreiben lässt. Ich habe mir nur vorgestellt, wie es denn so wäre, wäre man selbst irgendwie direkt betroffen. Perfide. Würdelos. Ekelhaft.

Weitermachen.

Grüßen Sie sich, Herr Matthäus!

Nur mal so, Herr Matthäus, der Sie mir nun öfter über den Weg laufen als je zuvor, da ich zu Amusementzwecken Ihr Facebook-Fan geworden bin, eine kleine sprachwissenschaftliche Hilfestellung.
So begrüßten Sie erstmals Ihre zahlreichen, treuen Anhänger:

Und so befeuerten Sie Ihre selbst gestartete Aktion, die Sie bei einer Million Likes wieder zurück auf den Fußballplatz prügeln soll.

Davon abgesehen, dass der Ausgang dieser Millionenshow bei jedem denkbaren Ergebnis für alle Beteiligten überhaupt nur unbefriedigend sein KANN, möchte ich mich darüber beschweren, dass Sie Ihre Fans nie grüßen, sondern Sie sie immer nur auffordern, es selbst zu tun, “Grüßt euch”.

Dabei sollten Sie sich mit Grußformeln doch auskennen …

Was Sie da bei Ihrer Begrüßung verwenden, ist der Imperativ. Das ist nicht sehr sympathisch. Es geht nicht überall so zu wie beim Bund oder auf dem Fußballplatz.
“Putz meine Schuhe!”, “Mach das Ding rein!”, “Brich ihm die Beine!” ist ungleich “Grüß dich!”

Natürlich, als Franke und Weltfußballer muss man das nicht wissen, deshalb bin ich ja so nett und erkläre das. Wozu habe ich schließlich Germanistik studiert?

Bei der gängigen Begrüßungsformel “Grüß dich” ist immer irgendwas elliptisch.
(Eine Ellipse ist etwas, was zugleich da ist und nicht da ist. Es fehlt offensichtlich, schwingt aber mit. Was genau fehlt,  ist leicht zu rekonstruieren. Zum Beispiel ist beim Fußball, wenn Sie daneben treten, der Ball elliptisch. Aber zurück zum Thema.)
Elliptisch ist bei “Grüß dich” entweder ein “ich” oder ein, zumindest in Bayern unvermeidbarer, “Gott”, wie bei “Grüß Gott”, oder, alles miteinander, “Grüß dich Gott”, was als Optativ (Wunschformel) eigentlich “Gott segne dich” heißt. Das habe ich hier abgeschrieben.

Es heißt also vollständig entweder “Ich grüße dich” oder, eher süddeutsch, “Grüß dich Gott”, wenn man “Grüß dich” sagt. Jedenfalls ist immer ein aktiver Grüßer und ein passiver Gegrüßter dabei.

Niemals wird einfach der Befehl erteilt, der Andere solle sich selbst grüßen, dann hieße es ja “Grüß du dich”, oder, pluralisiert, “Grüßt euch”.

Das ist falsch. Falsch!
Verstehen Sie das!

Grüßen Sie sich!
Und viel Erfolg auch!

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Ein Text für Bamberg

Dümm-Dümm. Sie erreichen jetzt Bamberg.

Auf der linken Zugseite fährt langsam das Atrium vorbei, das aus dieser Perspektive nichts von seinem gespenstischen Innenleben erahnen lässt. Ortsfremde werden darin gar ein Einkaufszentrum vermuten. Der Zug steigt weiter in die Bremsen, verlangsamt, stoppt. Angekommen.

Ich betrete das Bahngleis, strecke mich ordentlich durch, atme ganz tief ein. Malz liegt in der Luft. Ich steige die 28 Stufen nach unten in den Bahnhofsgang und von einem Plakat begrüßt mich Reinhard Mey mit seinem Zuversicht verströmenden Reinhard-Mey-Gesicht. Alles wird gut, sagt er aus, ich weiß bescheid, ich ruhe in mir, ich kann Gitarre spielen, dei-dei-dei. Ich nicke ihm zu, steige vorne die 25 Stufen nach oben, ein kleines Ründchen Greifarmautomat. Ich durchquere das Bahnhofsgebäude, ohne mir Blumen oder ein Hörnla zu kaufen, auch den Zeitungsständer mit einigen Stücken Qualitätspresse und dem FT lasse ich rechts liegen. Geradeaus in die Luitpoldstraße.

Ein Bus rauscht an mir vorbei. Sein Heck ziert der Schriftzug „Peter NEIN“. Er symbolisiert für mich die fränkische Herzlichkeit. Ich nehme mir vor, mal bei der Firma anzurufen, „Doch“ zu sagen und aufzulegen.

Ich stehe nun vor dem ODEON Kino und lasse den Ort auf mich wirken.

Hier war es also, auf eben diesem Stück Asphalt, der legendäre Bamberger Studentenaufstand im Mai 2013. 400 Studierende, die einfach nachts herumstanden, weil sie nicht alle in Hausnummer 27 gepasst haben, daneben die komplette Bereitschaftspolizei aus Bamberg, Würzburg, Nürnberg und Bayreuth, um die brodelnde Lage zu deeskalieren. Die legendären Bamberg Riots, noch in Generationen wird man davon sprechen, wobei die exakten Vorgänge mit der Zeit romantisiert werden werden.

Wisst ihr noch, damals“, wird der im siebten Semester als Langzeitstudent geltende Zottel mit dem Dreitagebart erzählen, „damals, 2013 auf der Luitpoldstraße, zweitausend Studenten, organisierter Protest, alle waren nackt. Freie Liebe! Auf den Motorhauben der Streifenwagen haben sie es getrieben, und bei Betten Friedrich, nachdem sie die Schaufenster eingeworfen haben. Die Polizei und die GSG9 waren zunächst machtlos, auf dem Dach vom Ariana Teppich wurden Scharfschützen positioniert. Aber der Love In war nicht zu stoppen. Dann rollten die Panzer an! Aus dem Wehrmachtsmuseum in Nürnberg. Die mutigen Studenten haben riesige Blumen in die Zielfernrohre gesteckt, die noch von der Landesgartenschau übrig waren. Und am nächsten Tag sah es so aus, als wäre gar nichts passiert gewesen, nur bei Facebook haben ein paar Wutbürger mit „Studentenpack, die sollen lieber Steuern zahlen“ und dem beliebten „Armes Deutschland“ kommentiert. So war das damals.“

Vor mir hält ein Audi A8, das Fenster im Fond wird heruntergelassen und Uni-Präsident Godehard Ruppert fragt, ob er mich ein Stück mitnehmen soll, er habe einen Chauffeur.

Ich lehne dankend ab und biege nach rechts in die Königstraße ein. Vorm Fässla stehen ein paar Betrunkene. Es ist 13 Uhr, der Frühschoppen ist um. Einer tritt dem anderen ans Bein, und sein Ausruf A-UUUU lässt offen, ob er nun Schmerzen hat oder einfach noch ein Bier will. 

Ich wende auf die Kettenbrücke und suche mir ein Liebesschloss mit einer sehr peinlichen Namenskombination heraus, ein Hobby von mir. „Soleika-Änne und Gerhard, forever in love“ sind heute die Gewinner. Es baumelt noch ein Babyschloss daran, auf dem „Max“ steht, nicht sehr einfallsreich.

Ein Fahrradfahrer, der die falsche Radwegrichtung benutzt hat, wird neben mir von der Polizei erschossen. Oder einfach nur verhaftet, so genau sehe ich das nicht, Moritz Rabe steht dazwischen und spielt Gitarre und singt dazu rau.

Ich gehe weiter, mit Tunnelblick durch die Fußgängerzone, schlage mir angebotene Zeitschriften, Patenschaften und Unterschriftenlisten gegen Mobilfunkmasten aus meinem Gesicht und grüße die örtliche Punkszene am Gabelmoo. Die beiden prosten mir mit ihrem Kaffee zu.

Ein Bus tuckert durch die Lange Straße, Aufschrift: „Hinz, Mode & Waffen“. Ich würde gern mal ein Verkaufsgespräch in dem Laden miterleben, bei dem die zur Kroko-Handtasche passende Kleinkaliber-Pistole empfohlen wird.

Ich will die Straße Richtung Altem Rathaus überqueren, der Weg wird mir aber durch eine Stadtführungsgruppe abgeschnitten. Amerikaner. Amerikanische Touristen erkennt man daran, dass sie genau so herumlaufen, wie man es deutschen Touristen auf Malle nachsagt.

Bamberg ist built on seven hills, that’s why we call it the Franconian Rome“, sagt die studentische Führungskraft gelangweilt, „or, in German, the Frängisches Rom“.

What she says?“, grummelt ein alter Mann mit Basecap in einer der letzten Reihen. Ein anderer alter Mann erklärt: „She says, we will finally get to try the bacon beer.“

Nice!“, kommentiert der erste und sie geben sich einen ghettomäßigen Fistbump.

Da sind sie auch schon Richtung Schlenkerla verschwunden und ich sehe meine Chance, die andere Straßenseite zu erreichen.

Momentla“, schreit es mich von hinten an. Die Ordnungsmacht hat mich gestellt. Ich kehre um.

Sie waren gerade mit beiden Füßen auf dem Straßenüberquerungsstreifen, als das Ampelmännchen schon rot war. Das zieht ein Bußgeld nach sich.“

Aber, aber, ich bin doch gar nicht …“

Die Überquerungsabsicht war eindeutig vorhanden. Wären Sie drüben angekommen, hätte Sie das 15 Euro gekostet. Ich bin heut gut drauf, ich drück mal ein Auge zu: 12 Euro!“

Das ist ja wohl die Höhe. Das können Sie doch nicht machen. Haben Sie nix besseres …“

… nix besseres zu tun. Diese Formulierung zählt seit der letzten Novellierung des Bamberger Straßenstrafkatalogs zur Beamtenbeleidigung. Das wären dann noch einmal 40 Euro drauf. Summa summarum 52 Euro. Bisher. Machen Sie mal Ihren Rucksack auf!“

Ich nehme den Rucksack ab und öffne ihn. Der Herr Polizist sieht hinein, mich strafend an und greift zum Funkgerät.

Ich hab hier einen 1516-3 vorliegen. Verstärkung bitte bereithalten. – Und jetzt zu Ihnen“, sagt er.

Nehmen Sie das Bier ganz vorsichtig aus dem Rucksack und stellen Sie es daneben ab. Keine hektischen Bewegungen!“

Man wird ja wohl noch Bier mit sich herumtragen dürfen.“

Er sieht mich bedauernd an.

Nicht?“

Wir haben letzte Woche im FT die neuen Bamberger Biervorschriften im innerstädtischen Bereich verkündet. Haben Sie das nicht gelesen? Schämen Sie sich! Konsum, Besitz und Transport im gastronomienahen öffentlichen Bereich ist strengstens untersagt.“

WAS?“

Außerdem wurde die Dezibelobergrenze aus Rücksicht auf die ruhebedürftigen Anwohner gesenkt. Sie haben Sie mit diesem Ausruf eben erheblich überschritten. Das macht also dreimal Bierstrafe plus einmal Laustärke. 110 Euro drauf. Damit stehen wir bei 162 Euro. Bidde!“

Da müssten Sie schon mit zum nächsten Geldautomat kommen.“

Das müsste ich dann leider als Verschleppung eines Beamten im Dienst berechnen, 80 Euro. Oder, wir haben da einen ganz neuen Service; seit wir für jeden Kleinscheiß Bußgelder eintreiben und alles Spaßbringende grundsätzlich verbieten, sind wir auch mit Kartenlesegeräten ausgestattet. Sie können mit MasterCard, VISA und EC-Karte zahlen. Haben Sie daran Interesse?“

Ich reiche ihm wortlos eine Plastikkarte. Er zieht sie durch sein Gerät.

Sammeln Sie Punkte?“

Was? Nein.“

Schade. Mit diesem Bußgeld hätten Sie schon einen halben kleinen Spielzeugstreifenwagen zum Aufziehen bekommen. Oder Poldi, unseren Polizei-Bär.“

Nein danke“, sage ich, gehe davon, nicke der kleinen Pfandflaschenfrau, die ihr reich bepacktes Fahrrad umher schiebt, freundlich zu und verschwinde in den verwinkelten Gässchen der Altstadt. Ich beginne, zu dichten …

Bamberg, du stadtgewordene Ansichtskarte

du brückenbespannte, kirchenbeladene fränkische Hausfrau,

du, du, du, du …

Dickes B, unten an der Re-

gnitz

im Sommer tust du gut und im Winter is schee

die Bamberger Luft im Vergleich zu andern Städten

bietet Braukesselgeschmack, allerbeste Qualidäden

um einmal im Jahr zu feiern und sonst auf WG-Feten

die Massen bleiben weg, denn sie werden drum gebeten

wir shaken was wir haben bis morgens um 2 Uhr

bei uns gibt’s die Sperrstunde UND die Müllabfuhr, Polizeikontrollen auf der Fahrradspur

Alle Biersorten der Welt, außer vielleicht Märzen

Aber dennoch ist die Stadt ganz tief in meinem …

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