Dümm-Dümm. Sie erreichen jetzt Bamberg.
Auf der linken Zugseite fährt langsam das Atrium vorbei, das aus dieser Perspektive nichts von seinem gespenstischen Innenleben erahnen lässt. Ortsfremde werden darin gar ein Einkaufszentrum vermuten. Der Zug steigt weiter in die Bremsen, verlangsamt, stoppt. Angekommen.
Ich betrete das Bahngleis, strecke mich ordentlich durch, atme ganz tief ein. Malz liegt in der Luft. Ich steige die 28 Stufen nach unten in den Bahnhofsgang und von einem Plakat begrüßt mich Reinhard Mey mit seinem Zuversicht verströmenden Reinhard-Mey-Gesicht. Alles wird gut, sagt er aus, ich weiß bescheid, ich ruhe in mir, ich kann Gitarre spielen, dei-dei-dei. Ich nicke ihm zu, steige vorne die 25 Stufen nach oben, ein kleines Ründchen Greifarmautomat. Ich durchquere das Bahnhofsgebäude, ohne mir Blumen oder ein Hörnla zu kaufen, auch den Zeitungsständer mit einigen Stücken Qualitätspresse und dem FT lasse ich rechts liegen. Geradeaus in die Luitpoldstraße.
Ein Bus rauscht an mir vorbei. Sein Heck ziert der Schriftzug „Peter NEIN“. Er symbolisiert für mich die fränkische Herzlichkeit. Ich nehme mir vor, mal bei der Firma anzurufen, „Doch“ zu sagen und aufzulegen.
Ich stehe nun vor dem ODEON Kino und lasse den Ort auf mich wirken.
Hier war es also, auf eben diesem Stück Asphalt, der legendäre Bamberger Studentenaufstand im Mai 2013. 400 Studierende, die einfach nachts herumstanden, weil sie nicht alle in Hausnummer 27 gepasst haben, daneben die komplette Bereitschaftspolizei aus Bamberg, Würzburg, Nürnberg und Bayreuth, um die brodelnde Lage zu deeskalieren. Die legendären Bamberg Riots, noch in Generationen wird man davon sprechen, wobei die exakten Vorgänge mit der Zeit romantisiert werden werden.
„Wisst ihr noch, damals“, wird der im siebten Semester als Langzeitstudent geltende Zottel mit dem Dreitagebart erzählen, „damals, 2013 auf der Luitpoldstraße, zweitausend Studenten, organisierter Protest, alle waren nackt. Freie Liebe! Auf den Motorhauben der Streifenwagen haben sie es getrieben, und bei Betten Friedrich, nachdem sie die Schaufenster eingeworfen haben. Die Polizei und die GSG9 waren zunächst machtlos, auf dem Dach vom Ariana Teppich wurden Scharfschützen positioniert. Aber der Love In war nicht zu stoppen. Dann rollten die Panzer an! Aus dem Wehrmachtsmuseum in Nürnberg. Die mutigen Studenten haben riesige Blumen in die Zielfernrohre gesteckt, die noch von der Landesgartenschau übrig waren. Und am nächsten Tag sah es so aus, als wäre gar nichts passiert gewesen, nur bei Facebook haben ein paar Wutbürger mit „Studentenpack, die sollen lieber Steuern zahlen“ und dem beliebten „Armes Deutschland“ kommentiert. So war das damals.“
Vor mir hält ein Audi A8, das Fenster im Fond wird heruntergelassen und Uni-Präsident Godehard Ruppert fragt, ob er mich ein Stück mitnehmen soll, er habe einen Chauffeur.
Ich lehne dankend ab und biege nach rechts in die Königstraße ein. Vorm Fässla stehen ein paar Betrunkene. Es ist 13 Uhr, der Frühschoppen ist um. Einer tritt dem anderen ans Bein, und sein Ausruf A-UUUU lässt offen, ob er nun Schmerzen hat oder einfach noch ein Bier will.
Ich wende auf die Kettenbrücke und suche mir ein Liebesschloss mit einer sehr peinlichen Namenskombination heraus, ein Hobby von mir. „Soleika-Änne und Gerhard, forever in love“ sind heute die Gewinner. Es baumelt noch ein Babyschloss daran, auf dem „Max“ steht, nicht sehr einfallsreich.
Ein Fahrradfahrer, der die falsche Radwegrichtung benutzt hat, wird neben mir von der Polizei erschossen. Oder einfach nur verhaftet, so genau sehe ich das nicht, Moritz Rabe steht dazwischen und spielt Gitarre und singt dazu rau.
Ich gehe weiter, mit Tunnelblick durch die Fußgängerzone, schlage mir angebotene Zeitschriften, Patenschaften und Unterschriftenlisten gegen Mobilfunkmasten aus meinem Gesicht und grüße die örtliche Punkszene am Gabelmoo. Die beiden prosten mir mit ihrem Kaffee zu.
Ein Bus tuckert durch die Lange Straße, Aufschrift: „Hinz, Mode & Waffen“. Ich würde gern mal ein Verkaufsgespräch in dem Laden miterleben, bei dem die zur Kroko-Handtasche passende Kleinkaliber-Pistole empfohlen wird.
Ich will die Straße Richtung Altem Rathaus überqueren, der Weg wird mir aber durch eine Stadtführungsgruppe abgeschnitten. Amerikaner. Amerikanische Touristen erkennt man daran, dass sie genau so herumlaufen, wie man es deutschen Touristen auf Malle nachsagt.
„Bamberg ist built on seven hills, that’s why we call it the Franconian Rome“, sagt die studentische Führungskraft gelangweilt, „or, in German, the Frängisches Rom“.
„What she says?“, grummelt ein alter Mann mit Basecap in einer der letzten Reihen. Ein anderer alter Mann erklärt: „She says, we will finally get to try the bacon beer.“
„Nice!“, kommentiert der erste und sie geben sich einen ghettomäßigen Fistbump.
Da sind sie auch schon Richtung Schlenkerla verschwunden und ich sehe meine Chance, die andere Straßenseite zu erreichen.
„Momentla“, schreit es mich von hinten an. Die Ordnungsmacht hat mich gestellt. Ich kehre um.
„Sie waren gerade mit beiden Füßen auf dem Straßenüberquerungsstreifen, als das Ampelmännchen schon rot war. Das zieht ein Bußgeld nach sich.“
„Aber, aber, ich bin doch gar nicht …“
„Die Überquerungsabsicht war eindeutig vorhanden. Wären Sie drüben angekommen, hätte Sie das 15 Euro gekostet. Ich bin heut gut drauf, ich drück mal ein Auge zu: 12 Euro!“
„Das ist ja wohl die Höhe. Das können Sie doch nicht machen. Haben Sie nix besseres …“
„… nix besseres zu tun. Diese Formulierung zählt seit der letzten Novellierung des Bamberger Straßenstrafkatalogs zur Beamtenbeleidigung. Das wären dann noch einmal 40 Euro drauf. Summa summarum 52 Euro. Bisher. Machen Sie mal Ihren Rucksack auf!“
Ich nehme den Rucksack ab und öffne ihn. Der Herr Polizist sieht hinein, mich strafend an und greift zum Funkgerät.
„Ich hab hier einen 1516-3 vorliegen. Verstärkung bitte bereithalten. – Und jetzt zu Ihnen“, sagt er.
„Nehmen Sie das Bier ganz vorsichtig aus dem Rucksack und stellen Sie es daneben ab. Keine hektischen Bewegungen!“
„Man wird ja wohl noch Bier mit sich herumtragen dürfen.“
Er sieht mich bedauernd an.
„Nicht?“
„Wir haben letzte Woche im FT die neuen Bamberger Biervorschriften im innerstädtischen Bereich verkündet. Haben Sie das nicht gelesen? Schämen Sie sich! Konsum, Besitz und Transport im gastronomienahen öffentlichen Bereich ist strengstens untersagt.“
„WAS?“
„Außerdem wurde die Dezibelobergrenze aus Rücksicht auf die ruhebedürftigen Anwohner gesenkt. Sie haben Sie mit diesem Ausruf eben erheblich überschritten. Das macht also dreimal Bierstrafe plus einmal Laustärke. 110 Euro drauf. Damit stehen wir bei 162 Euro. Bidde!“
„Da müssten Sie schon mit zum nächsten Geldautomat kommen.“
„Das müsste ich dann leider als Verschleppung eines Beamten im Dienst berechnen, 80 Euro. Oder, wir haben da einen ganz neuen Service; seit wir für jeden Kleinscheiß Bußgelder eintreiben und alles Spaßbringende grundsätzlich verbieten, sind wir auch mit Kartenlesegeräten ausgestattet. Sie können mit MasterCard, VISA und EC-Karte zahlen. Haben Sie daran Interesse?“
Ich reiche ihm wortlos eine Plastikkarte. Er zieht sie durch sein Gerät.
„Sammeln Sie Punkte?“
„Was? Nein.“
„Schade. Mit diesem Bußgeld hätten Sie schon einen halben kleinen Spielzeugstreifenwagen zum Aufziehen bekommen. Oder Poldi, unseren Polizei-Bär.“
„Nein danke“, sage ich, gehe davon, nicke der kleinen Pfandflaschenfrau, die ihr reich bepacktes Fahrrad umher schiebt, freundlich zu und verschwinde in den verwinkelten Gässchen der Altstadt. Ich beginne, zu dichten …
Bamberg, du stadtgewordene Ansichtskarte
du brückenbespannte, kirchenbeladene fränkische Hausfrau,
du, du, du, du …
Dickes B, unten an der Re-
gnitz
im Sommer tust du gut und im Winter is schee
die Bamberger Luft im Vergleich zu andern Städten
bietet Braukesselgeschmack, allerbeste Qualidäden
um einmal im Jahr zu feiern und sonst auf WG-Feten
die Massen bleiben weg, denn sie werden drum gebeten
wir shaken was wir haben bis morgens um 2 Uhr
bei uns gibt’s die Sperrstunde UND die Müllabfuhr, Polizeikontrollen auf der Fahrradspur
Alle Biersorten der Welt, außer vielleicht Märzen
Aber dennoch ist die Stadt ganz tief in meinem …
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