Drei kleine Italiener
Wenn ich einkaufen gehe, fange ich mir regelmäßig einen Ohrwurm ein. Schuld ist mein Bäcker. Klingt zunächst mal nicht nach zwingender Kausalkette.
Mein Bäcker hat italienische Wochen, seit etwa vier Monaten. Deshalb steht vor der Filiale ein Aufsteller, auf dem drei Angestellte abgebildet sind, die Azubis. Bei ihrer Arbeit bekommen sie nicht mal das Wechselgeld gebacken, aber auf dem Plakat grinsen sie sich im Topmodel-Style einen um die Wette. Unter dem Schriftzug „Drei kleine Italiener“ wird die gelackte Hupfdule von seinen beiden weiblichen Jobkonkurrentinnen eingerahmt und strahlt so übermütig anbiedernd, als stünde er fahnenschwingend auf dem ersten Wagen beim CSD. Wenn ich bei ihm eine Schokobanane kaufe, zwinkert er immer dazu.
Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er seinen Freunden („Schwestern“?) vom „Shooting“ zu dem Plakat erzählt hat: „Das war wirklich professionell, der Fotograf ist total auf uns eingegangen. Er hat auch mal Gisele fotografiert! [Namedropping funktioniert in der Modewelt nur ohne Nachname.] Und er hat gesagt, ich habe Taleee-eeent.“
Das arme Personal wird im Rahmen der Aktion dazu gezwungen, Gondoliere-Hüte und rote Halstücher zu tragen. Es ist demütigend. Da verdienen sie schon nur einen Hungerlohn (sagt Tom Buhrow) und müssen sich noch dazu verkleiden. Hätten sie auch bei McDonald’s anheuern können. Im Internet machen sich alle Sorgen um ihre Menschenrechte, hat mal jemand die Backwerkverkäufer danach gefragt, die grade Aktionswochen haben?
Ganz zu schweigen von den Kunden, ich schließe da einfach mal, pars pro toto, von mir auf die Gesamtheit, die sich sicherlich angenehmeres vorstellen können, als immer wieder unvorsichtigerweise auf das Schild zu sehen und gegen alle Willenskraft das innere Tonband anleiern zu lassen. Noch drei Geschäfte später klingt es dann bei jedem Griff zur Salatgurke, zum Müsli und zum Malzbier Zwei kleine Italiener vergessen die Heimat nie, die Palmen und die Mädchen am Strande von Napoli. Nur beim Nudelkauf, das muss man dem Bäcker zugute heißen, da ist wieder alles stimmig.
Super Überschrift: Neuigkeiten
Lächerliche 18 Bücher habe ich gestern unmittelbar nach erfolgter und erfolgreicher letzter Diplomprüfung zusammengesammelt und sie in zwei Plastiktüten (H&M, Edeka) zurück zur Bibliothek gebracht. Zu Diplomarbeitszeiten waren es etwa 40 auf einmal. Symbolik des Auslaufens. Ohne das Amüsement der Bibliothekarin darüber, dass ich erneut für einige der Bücher eine Mahnung kassiert habe, wäre es nur halb so schön gewesen.
Ich denke zurück an ein Studium, das … Sentimentalitäten sind sowohl unangebracht als auch unvorhanden. Viele haben es vor mir gemeistert und so gibt es mittlerweile gar Tage, in denen man durch Bamberg flanieren kann, ohne alle 10 Meter jemanden grüßen zu müssen. Meine Studiumsgeneration verzieht (sich). Ich bleibe erst mal da und renoviere die Wohnung. Man braucht ja Beschäftigung so als freier Künstler.
In diesem Zusammenhang suche ich jemanden, der uns was an die Wand malt (wir favorisieren ein Fenster, da wir davon zu wenige haben).
In der gestrigen Diplomprüfung wurde ich mit den Worten begrüßt „Ich habe über Sie gelesen“. Zunächst dachte ich daran, dass in der Uni sicherlich eine Geheimakte über jeden Studenten kursiert, mit Gesicht und Gesinnung und, am allerschlimmsten, mit Kopfnoten! Dem wäre ich aber sowas von investigativ nachgegangen als alter A-Blogger. Aber nein:
Ich hatte schon fast vergessen, dass ich normalerweise öfter auf der Bühne stehe und vorlese als mich wochenlang in naturalistische Literatur und Heinrich Böll zu verwurmen. Da gab es also mal wieder eine Hausarbeit oder Diplomarbeit über Slam, in der ich prominent vertreten war. Skandalös! Mittlerweile wird mal wohl gar nicht mehr gefragt und um Interviews per Mail mit 30 Fragen gebeten, bevor man wissenschaftlich durchgemangelt wird. Das sehe ich sowohl positiv als auch negativ mit klarer Tendenz zur Unentschiedenheit.
Um noch viele weitere Abschlussarbeiten zum Thema Slam zu ermöglichen, werde ich meine Energie und mein Genie in unmittelbarer Folgezeit (= jetzt) dahinein investieren, ein weiteres Stück Primärliteratur zu produzieren. Oder auch zwei. Neben dem schon lange ausstehenden nächsten Kurzgeschichtenband (AT: Die Vorstellung der Möglichkeit einer Annahme) schreibe ich einen Krimi. Jawollo. Dieser spielt in der Slamszene und bietet auch und vor allem schmutzige Details aus der Backstagewelt, außerdem Frauenfußball und heitere Ermittlungsarbeit rund um den Hauptverdächtigen Andy Krauß, nicht zu verwechseln mit Andy Strauß. Reiner Zufall, das mit dem Namen, und mit allen anderen. Tobi Pflunze und Theresa Baal überdenke ich nochmal.
Nicht unterschlagen möchte ich noch, dass ich der Slamwelt erneut eine Innovation geschenkt habe. Nach der Auslosung im Rückwärtsgang, die mehr und mehr (meist ohne Verweis auf den Urheber, traurig traurig) im germanischen Sprachraum praktiziert wird, gibt es nun das Würzburger Sponsoringmodell. Ganz simpel: der Slamname wird jeden Monat bei ebay versteigert. Beim ersten Mal hat es schon geklappt. Durch diese vorbehaltlose Bejahung des Kommerzes protestiere ich gegen die Kommerzialisierung des Slams an sich! Paradox, aber durchdacht, ein wenig. Kann man sich gern drüber aufregen, los!
Und nun zurück zu Kapitel 9 … Christian Ritter gefällt das.
Street View Kompromiss
Ich zeige nur den Westflügel meiner Burg.
Das Pferd hat kein Gewehr
Achter August. Die Hundstagssonne
Heizt das Kopfsteinpflaster. Gegen Zwölf
Hufschlag. Stein Dröhnt.
„Wer reitet?“ „Ein Pferd, allein?“
Fußgängerflucht. Ein Held:
Spazierstock gegen Pferdehufe!
Hinter den Scheiben stehen
Münder offen: „Ein Pferd. Ja.
Durchgegangen.
Wie?“
Ein Pferd stirbt
Auf dem Kopfsteinpflaster.
„Was hat ihm gefehlt?“
„Ein Gewehr.“
(Gelächter)
Aus dem Nachlass Heiner Müllers.
