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Ich adoptiere!

27. Juli 2010
von critter

2004 stand ich zum ersten Mal im alten morph club in Bamberg auf der Slambühne. Kaum sechs Jahre später habe ich Slamberg (freundlich) übernommen. Verantwortlich sind nach wie vor Nils Rusche, Nora Gomringer und ich.
Da sich aber der eine für längere Zeit im Bundestag umschaut und die andere en passant eines der höchsten kulturellen Ämter Bayerns übernommen hat, liegt der Slam nun in meiner Verantwortung.

Ich nutze das gleich mal für eine fabulöse Innovation, nachzulesen im seit wenigen Minuten existenten Bamberger Slamblog:

Kolumne zur Nacht: Literaturwettbewerbe und Mario Adorf

25. Juli 2010

Es ist 3.33 Uhr.

Der Laptop durfte mit ins Bett. Sein Bildschirm beleuchtet die Tastatur, ansonsten spare ich Strom. Draußen fährt alle 5 Minuten ein Taxi vorbei, oder ein Polizeiauto. Anderes verkehrt nicht um diese Zeit. Busse stellen um 20.30 Uhr die Fahrten ein. Ich sehe YouTube-Videos mit Fernsehausschnitten von 1966, auch frühere Aufnahmen. Ein Hitlervideo ist wegen Rechtsverletzung in meiner Region nicht verfügbar.

Facebook schläft. Vor 10 Minuten habe ich ein Gutenachtgedicht gepostet, das noch nicht mal von Jessica Rodrian kommentiert wurde.

Vielleicht sollte ich mal wieder was für so einen Schreibwettbewerb verfassen, für manches bin ich nächstes Jahr zu alt. Zwei Wettbewerbe haben das Thema „2020“. Da würde ein Text genügen für einmal 150 Euro und einmal einen noch geheim gehaltenen Hauptpreis, sicherlich ein Büchergutschein.

Schreibwettbewerbe sind die Call-In-Shows des literarischen Betriebs. Lässt man sich darauf ein, versucht man über zu lange Zeit, durchzukommen. Das Resultat lohnt die Mühe nicht.
Am Ende sitzt man in einem Naturkundemuseum in der Oberpfalz vor 15 naturkundlich-literarisch interessierten Oberpfälzern, die einem oberpfälzisch den Mund verbieten, wenn man seinem Wettbewerbsbeitrag einen flotten Spruch zur allgemeinen Erheiterung vorausschicken möchte. Es gehe hier um die Literatur, hat die eine Tante gesagt und die anderen Tanten haben bedeutend genickt. Hallo, das ist nicht Klagenfurt, ihr Schnepfen. Ich fühle mich sonderbar unwohl bei Veranstaltungen, wo gedeckte, festliche Garderobe aufgetragen wird, nur um andere vorlesen zu hören. Das Kleid kommt sonst nur aus dem Schrank, wenn mal wieder die beste Freundin verstorben ist. Am Ende steht man dann zusammen, unter den Pranken eines großen Bären, happt gemeinsam Häppchen und hofiert sich aufs Widerwärtigste: Wie ausdrucksstark doch diese Passage war und wie gefühlvoll jene, und die Allegorien erst, allerliebst, da habe man sich durchaus zu einem überraschten Räuspern hinreißen lassen. Ob man nicht noch dem Förderverein beitreten wolle, bevor man abfährt? Nein.

Nein, ich werde mich in absehbarer Zeit an keinem Schreibwettbewerb beteiligen. Wobei mich die Themenvorgabe „lesbischer Liebesroman“ durchaus ein Stück weit reizt. Ich denke da an eine Installateurin, die ein Rohr in einem Gutshaus verlegen soll, auf dem die feine Dame Lady Pussington residiert, aber lassen wir das. Lesbische Liebesromane sollte man doch eher in lesbische Schriftstellerinnenhände legen, die kommen schon von selbst auf ihre einfallsreichen Bücher namens „Mein Geheimnis bist du“, „Verirrte Herzen“, „Es begann mit einem Kuss“ oder „Liebe in Schottland“, und das waren nur die ersten Treffer bei Amazon. Wenn man selbst nicht lesbisch ist, versteht man das wahrscheinlich nicht, da sollte man sich raushalten. Sowieso sollte man sich raushalten aus Dingen, von denen man nichts versteht. Ein Teufelskreis.

Mario Adorf saß neulich in einer Talkshow im Dritten und barritonte aus tiefster Brust, dass alle Schwulen so herzliche Menschen seien. SO HERZLICHE MENSCHEN, DIESE SCHWULEN! Dabei schlug er freudig die Hände zusammen und legte eine Extraschicht Glanz auf sein Gesicht. Ich kann mir keine diskriminierendere Aussage vorstellen. Genauso wie nicht alle Tintenfische Ehrenbürger von spanischen Kleinstgemeinden werden, gibt es vielleicht auch unter Homosexuellen den ein oder anderen unherzigen, ja vielleicht sogar ein bisschen gemeinen Typen, eventuell hat man gar einen Strafzettel bekommen oder jemanden erschossen. Gleiches soll auch schon unter Schauspielern vorgekommen sein, hört man. Aber ich möchte mich nicht in Rage schreiben.

Draußen stört eine Krankenwagensirene die Nachtruhe. Unangenehm sicherlich für die Leute, die gerade schlafen. Aber einer freut sich.

Es ist 4.23 Uhr.


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Endzeitstimmung und Verkaufsschlager

22. Juli 2010

In großen Schritten neigt sich mein Studium dem Ende zu. Zwei Fächer sind schon komplett abgeschlossen.

Europäische Ethnologie, das ich anfänglich studiert habe, weil man im Grundstudium wenig Scheine braucht, sich dann aber doch als teils recht ansprechend erwies (und die Exkursionen erst!), habe ich schon vor langer Zeit hinter mich gebracht. In welchem Sommersemester das genau war, weiß ich gar nicht mehr. Das Seminar zu Fußballfangesängen bleibt jedenfalls in der Erinnerung kleben. Und Krakauer Kellerclubs.

Nun ist es auch vorbei mit der Kommunikationswissenschaft. Was hat man da gelernt? Man kann nicht nicht kommunizieren. Und so einiges mehr. In der mündlichen Abschlussprüfung wurde ich von meiner Professorin mit der freundlichen Stichelei empfangen, dass es ja nun auch mal an der Zeit sei, den Abschluss zu machen. „Wie lange studieren sie nochmal?“ Die Antwort lasse ich an dieser Stelle offen.
Schlussendlich hat mir Apple und (wie peinlich) Mathias Döpfner noch eine annehmbare Note in dem Fach beschert. Die Frage, ob das iPad den Journalismus retten kann, war immerhin meine Rettung. Mein Abschlusssatz in der schriftlichen Prüfung lautete: Was in der Zukunft geschieht weiß nur Steve Jobs niemand.

Möchte man mir entweder etwas Gutes tun oder interessiert man sich tatsächlich für das Thema, empfehle ich meine neuste Publikation, meine Diplomarbeit. Für lächerliche 29,90 € (PDF) oder 39,90 € (gebunden) lässt sich das Werk mit dem prägnanten Titel Interessenkonflikt im dualen Rundfunksystem angesichts des Entwurfs zum 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag hier erwerben.

Das Arbeitsamt und ich (4)

21. Juli 2010
von critter

Dies ist der letzte Teil der Reihe, denn meine Liaison mit der Institution Arbeitsagentur wurde jäh beendet. Ich erinnere daran, dass ich quasi eine Berufsberatung zur künstlerischen Tätigkeit angestrebt habe. Die gibt es allerdings nicht.Warum?

Auszug aus dem Internetangebot der BA:

Wesentliche Aufgaben der Bundesagentur für Arbeit sind:

  • Berufsberatung

Auszug aus dem dritten Telefongespräch, erneut pünktlich auf die Minute, allerdings mit einstündiger Verspätung:

Sie: In meinen Unterlagen steht, Sie sind Existenzgründer.
Ich: Nee. Ich bin (es folgt die übliche zweiminütige Erklärung). Und deswegen wollte ich mal eine Beratung haben, welchen Status ich so fortan unter „Beruf“ eintragen soll.
Sie: Da sind Sie bei uns falsch. Wenn Sie sich arbeitssuchend melden wollen, können wir weiter machen.
Ich: Will ich aber nicht. Ich habe doch Arbeit. Nur nicht so eine wie die meisten anderen. Ich möchte doch nur mal mit jemandem reden, der sich auskennt. So eine Art … Berufsberatung?
Sie: Wie gesagt, da sind Sie bei uns falsch. Da gehen Sie mal am Besten zum Finanzamt.
Ich: ?
Sie: Oder zu einer Kammer.
Ich: Zu was für einer Kammer?
Sie: Zur Handwerkskammer zum Beispiel.
Ich:
Sie:
Ich: Sie haben mir aber schon zugehört?
Sie: Vielleicht gibt es sowas ja auch für Künstler.

Während ich mir noch eine Abschlusspointe, irgendwas mit „geistigem Handwerk“, zurecht lege, hat sie ihre schon gefunden und legt auf.


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