„Plötzlich hatte ich ein anderes Geburtsdatum“ – Das Leid desjenigen, der sein Facebook-Profil verlor

Es ist ein ganz normaler Ostersamstag. Die Vöglein zwitschern freudig ihr Tirili, Marktfrauen mit Apfelgesichtern bieten ihre Waren feil und süße Kuschelkätzchen freuen sich über vergessene Ostereier. Der Himmel ist nur von wenigen Fluffy Clouds befleckt, wie von Bob Ross dahingetupft. Doch so normal, wie es scheint, ist es nicht. Eine Gestalt sitzt im einzigen Schatten, der aufzutreiben war, in sich zusammengesunken, schlecht rasiert, mit verlorenem Blick in einem Grünen Tee mit vier Stücken Würfelzucker rührend.
„Ich wusste ja nicht, worauf ich mich einlasse“, sagt Christian Ritter, gefolgt von einem resignierten Seufzer. „Wer hätte sich das denn ausmalen können? Es sollte doch alles nur ein Spiel sein.“
Ritter hat verloren. Letzte Woche bei Ritter vs. Kennel, einer Bühnenshow, bei der die beiden Moderatoren des Bamberger Poetry Slams einmal im Jahr ihre Rivalität offen austragen. Sie kämpften mit Singer/Songwritern, Kurzfilmen, Poetry Slammern und eigenen Texten gegeneinander. Ritter zog den Kürzeren.
„Durch mein unnatürlich übersteigertes Selbstbewusstsein kann ich solche Niederlagen eigentlich ganz gut verkraften. Ich denke dann immer: Hey, immerhin bin ich Romanautor, gewitzter Moderator und sehe viel besser aus als Max Kennel. Aber da war dieser Einsatz, um den wir gespielt haben …“ Mitten im Satz bricht er ab, schnauft durch, lässt dann ein weiteres Stück Würfelzucker in den Tee plumpsen. „Das macht mich einfach fertig.“
Der Einsatz war hoch gewählt. Geht es bei solchen Duellen, wie man sie aus Funk und Fernsehen kennt, üblicherweise darum, sich alberne Klamotten anzuziehen, sich mit der Zwille abschießen zu lassen, in Senf zu baden oder sich den Kopf rasieren zu lassen, einigten sich die erbitterten Kontrahenten auf etwas, das es in dieser Form vorher nicht gegeben hat: Die Übernahme des Facebook-Profils. Für eine ganze Woche.
„Das ist Psycho-Terror. Zwar hatten wir vorher beide angekündigt, dass es möglich ist, dass das Profil gekapert wird, aber wer klickt schon auf ein Profil und scrollt zehn Zentimeter nach unten, um sich zu informieren? Ich bitte Sie! Das dauert immerhin drei Sekunden. Alle glauben, dass ich es wirklich bin. Die größten Grausamkeiten sind direkt am ersten Tag passiert.“
Grausamkeiten?
„Ich spiele plötzlich Candy Crush Saga. Einer der Hauptgründe, entfreundet zu werden. Zwar bin ich scheinbar wirklich gut darin – ich sehe im Aktivitätenprotokoll, dass ich alle Spiele gewinne – aber das alles öffentlich passieren zu lassen, ist schon sehr perfide. Allerdings bin ich auch entsetzt darüber, wie viele meiner Freunde tatsächlich dieses Spiel spielen. Man bekommt ein ganz neues Weltbild.“
Also hat es vielleicht doch sein Gutes?
„Mitnichten. Es ging ja noch weiter. Ständig rufen mich Leute an und schicken SMS, weil ich gepostet habe, dass ich meine Telefonkontakte gelöscht oder mein Telefon verlegt hätte. Außerdem hatte ich plötzlich ein anderes Geburtsdatum, den 18. April. Gestern hatte ich 97 Geburtstagsglückwünsche auf meiner Pinnwand, darunter Videos mit Katzen, die Papphüte tragen, und Bilder von Stränden und Luftballons. Das ist am wirklichen Geburtstag schon schlimm genug. Niemand will das zwei Mal im Jahr erleben! Ich kann diesen Tee nicht mehr trinken, er ist viel zu süß.“
Wir zahlen und verlassen das Café. Ritter will am Fluss entlang gehen. Er ist sehr schwach und muss gestützt werden. Die Hände tief in den Manteltaschen, Kinn auf Brust, erzählt er weiter, in kurzen Sätzen, zu mehr reicht die Kraft nicht:
„Ich bin jetzt Fan der Jungen Union. Ich habe Freundschaftsanfragen an wildfremde Leute geschickt, die irgendwas auf Lehramt studieren und plumpe Lebensweisheiten von sich geben. Sie haben alle angenommen! Und Mats Hummels habe ich an seine Pinnwand gepostet, dass er ein ein sehr schöner Mann sei. Hätte ich selbst noch die Kontrolle, hätte ich das in einer privaten Nachricht getan. Es ist alles nicht schön. Ich bin gesellschaftlich erledigt. Was für ein Bild von mir setzt sich denn nun fest? Wenn ich von irgendwelchen wichtigen Leuten gestalkt werde und das erste, was die sehen, ist, dass ich Candy Crush Saga spiele, und an welchen Veranstaltungen ich ‚teilnehme‘ … der Ruf ist dahin. Wer nimmt mich denn jetzt noch? Letzte Station Ghostwriter im riva Verlag, sag ich da nur. Wenn ich mir das nur vorstelle …“
Ritter bricht zusammen. Eine Ente zieht nebenan auf dem Fluss langsam ihre Bahn und schaut verdächtig.
„Lassen Sie mich einfach hier zurück“, sagt Ritter. „Es wird schon wieder. Bald ist es ja vorbei.“
Das Spiel geht weiter. Bis Dienstag um Mitternacht.
Ein leises Röcheln folgt noch vom Boden, und ein positiver Ausblick zum Schluss: „Wenigstens kann man sich darauf verlassen, dass die Leute Freude am Leid der anderen haben. Ich habe, seit es losging, 51 78 Freundschaftsanfragen erhalten. Es ist wie bei einem Autounfall, bei dem man mit einem Glas Wein in der Hand zuschauen will. Ich habe alle angenommen.“

Hier kannst auch du privater Freund von Christian Ritter werden. Zumindest bis Dienstag.

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