Das kam mir spanisch vor – ein Schreiburlaub an der Costa del Sol

Jedes Jahr im Februar fliege ich irgendwohin, um zu schreiben. Da ich das nun schon zum zweiten Mal gemacht habe, kann man von einer großen Tradition sprechen. Letztes Jahr ging es nach Island, diesmal hatte ich etwas mehr Lust auf etwas mehr Sonne. Reisziel also: Costa del Sol. Ziel war es, mit 50 Seiten Text für ein aktuelles Romanprojekt zurückzukommen. Seit ein paar Stunden bin ich nun wieder da. Die Logbuch-Einträge starten am Montag letzter Woche:

Montag, 23.05 Uhr, irgendwo über Frankreich. Trinke 100 ml Gin Tonic für 11 Euro, höre 3 Alben Sígur Rós auf Zufallsschleife und überschreite Seite 100 in Thomas Bernhards „Holzfällen„. Fühle mich etwas künstlerisch, und die Zehen sind eingeschlafen.

Dienstag, 2.42 Uhr, Benalmádena, Spanien. Habe mein Apartment und das Bett bezogen und eine Flasche Rotwein gefunden. Schaue zum Einschlafen Fernsehen. Es läuft La Voz Kids, eine Reality-Doku über Polizeieinsätze (24/7), eine Reality-Doku über eine Brustvergrößerung, eine Reality-Doku über „Señora Prostituta“ und so was Ähnliches wie Spongebob, aber etwas krasser, mit mehr Toten. Das schau ich jetzt seit ner halben Stunde.

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Mittwoch, 0.53 Uhr. Ich bin seit 24 Stunden anwesend und mit der Überarbeitung der ersten 18 Seiten durch. Bevor nicht ein ganz neues Kapitel geschrieben ist, gehe ich nicht schlafen. Aber es wird nun auch in eine Lammfelldecke eingewickelt sehr frisch auf dem Balkon, bestimmt unter zwölf Grad. Weitere Arbeiten im Inneren. Ab morgen wird herumgefahren. Jeden Tag ein anderes Nest am Meer.

costa-del-sol-map2Mittwoch, 14.48 Uhr. Laufe zum Bahnhof Benalmádena, um nach Torremolinos zu fahren. Da gibt es die besseren Strandcafés zum Drinrumsitzen, sagt man. Das Wasser in einem Swimmingpool zur Straße hin geht stark ins Grünliche, in den meisten anderen Pools ist es abgelassen. An jedem zweiten Haus steht VENTA (zu verkaufen), jedes dritte Geschäft ist eine Immobilienmaklerei. Über Kopfhörer höre ich „we live in a beautiful world“.

Mittwoch, 20.10 Uhr, Torremolinos. Habe im Banana’s Beach Club und später im El Toro noch mal die ersten 18 Seiten überarbeitet und sagenhafte 3 neue Seiten hinzugefügt. (Das Kapitel, das ich letzte Nacht fertigbringen wollte, bevor ich eingeschlafen bin.) Zwischendurch habe ich mir für 20 Minuten im FISH SPA von kleinen Fischen die Hornhaut an den Füßen abknabbern lassen und mit einer Schweizerin, die neben mir das Gleiche über sich ergehen ließ, über die spanische Wirtschaftslage debattiert. Wir waren uns darin einig, dass es wohl das Naheliegendste wäre, wenn Red Bull das Land sponsern würde. Sie wird es bei ihrem nächsten Salzburgbesuch vorschlagen.

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Donnerstag, 15.00 Uhr, Málaga. „Ne Tapas-Bar in Málaga, das wär doch mal was“, muss sich irgendwann einer gedacht haben. Und dann hat er es weitererzählt. In der ganzen Stadt ist keine ordentliche Paella aufzutreiben. Tapas, Tapas, Tapas. Habe mich in den unansehnlichsten Hinterhof, der zu finden war, zurückgezogen. Es gibt Tapas. Und WiFi, steht an der Tür. Das geht aber heute nicht. Ein paar Häuser weiter wurde Picasso geboren.

Donnerstag, 18.38 Uhr, Málaga. Für die Kreativität ist es eher unförderlich, überall, wo man sitzt, ein großes Bier zu bestellen, nur weil es einen Euro kostet.

Naturbühne in Málaga. Die Römer waren auch mal da.
Naturbühne in Málaga. Die Römer waren auch mal da.

Donnerstag, 21.21 Uhr, Torremolinos. Auf dem Rückweg wieder im El Toro gelandet und zum fünften Mal gedacht ’nun aber mal genug geschrieben für heute‘. An vollen Tagen hier ist jetzt Halbzeit, allerdings auch Carnaval mit einigen besuchenswerten Veranstaltungen in Málaga, zum Beispiel dem Concurso de Drag Queen am Samstag. Hm. Alles in allem, Mitgebrachtes und Neues, umfasst das Manuskript jetzt 33 Seiten. Klingt wenig, aber für die 100 Seiten Diplomarbeit hab ich mal zwei Jahre gebraucht. Ab jetzt nur noch ganz Neues zu Papier. Ein Grund zur Freude.

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Freitag, 22.22 Uhr, Fuengirola. Nach sehr spätem aktivem Tagesstart vorhin gegen 15 Uhr vier Dörfer weiter gefahren, mit Fuengirola meine Lieblingshafenstadt und mit dem Britannia Pub einen sehr angenehmen Schreibplatz gefunden. An den Wänden hängen die Beatles und die Queen in dicken Rahmen. Alles Angeplante wild heruntergeschrieben, bis zur absoluten Ideenleere. Danach Cider und mit einem englischen Ehepaar Snooker geschaut und über und Sherlock Holmes und Benedict Cumberbatch geredet. Zuhause in London leben sie nur eine Straße von Arthur Conan Doyle entfernt (zeitlich aber getrennt). Heute ist irgendein spanischer Feiertag, habe ich nebenbei erfahren. Den ganzen Tag hatte ich mir vorher große Sorgen um den soliden Bäcker gemacht, der heute Mittag überraschend geschlossen hatte. Bald zurück ins Apartment, mit 44 geschriebenen Seiten.

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Die spanische Familie begeht den Día de Andalucía.

Samstag, 3.02 Uhr, Benalmádena. Das Duo Haustechniker/Nachtportier scheitert zum dritten Mal mit jeweils neuem Gerät daran, die Tür meines Apartments zu öffnen. Ich soll neue Batterien in die Tür einsetzen, sagt der Portier. Batterien? Seit einer Stunde stehen nun sich durchwechselnde Spanier mit immer neuen Ideen vor der verschlossenen Tür und versuchen alles Menschenmögliche, sagen sie. Zwischendurch rufen ihre Frauen an und fordern sie auf, endlich nach Hause zu kommen, immerhin sei Día de Andalucía, Noche sogar! Die Nachbarn sind teils auch wieder wach und zittern auf dem Gang mit. Endlich lernen wir uns kennen. Ich wäre auch einem einfachen Schlüssel so ganz ohne Technik und Chipkarte nicht generell abgeneigt, sage ich so auf Englisch in den Gang und ernte missbilligende Blicke. Gewöhne mich an den Gedanken, die Nacht wohl am Strand zu verbringen.

Samstag, 3.36 Uhr. Meine US-Nachbarin Rachel hat mich während der fortlaufenden Türöffnungsarbeiten auf einige San Miguel auf ihren Balkon eingeladen. Zuhause in South Dakota schließt sie ihre Tür nie ab, sagt sie. Und ich soll mal auf ein Stück Torte vorbeikommen, wenn ich in der Nähe bin.

Samstag, 4.00 Uhr. Jubel auf dem Gang. Die Tür ist auf. Gute Nacht.

Samstag, 14.09 Uhr, Benalmádena. Es regnet leicht. Ich sitze im überdachten Außenbereich einer Cafeteria, trinke den dritten Café con leche (der beste Andalusiens!), lese „Die Murau Identität“ über Thomas Bernhards vorgetäuschten Tod, mit der ich bald durch bin, und beobachte Graumöwen, die auf dem Nebentisch spazieren. Eine hält die Tapas-Karte, nicht komplett auf dem Tisch liegend, für einen Steg, betritt sie, läuft gen Abgrund und stürzt ab. Sie rettet sich in den Flug.

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Sonntag, 22.44 Uhr, Apartment Caballero, Benalmádena. Bin völlig erledigt. Schaue „Los Simpson“ (erste Staffel), blicke zurück auf einen Tag, an dem ich beim Herumlaufen mindestens 500 Höhenmeter überwunden, im Pub und der Cafeteria 8 Seiten Text wie im Rausch geschrieben, im Park herumgelegen, das Murnau-Buch ausgelesen (doofes und zu kurzes Ende, sonst sehr gut) und eben den größten Gin Tonic der Welt getrunken habe. Ich bin seit einem Jahrzehnt nicht vor Mitternacht eingeschlafen, heute könnte es passieren.

Montag, 14.05 Uhr, Benalmádena. Es ist schon wieder Feiertag, sagt der Taxifahrer. Día de Benalmádena. Und er sagt, im Sommer sei es hier die Hölle, wegen all der Touristen. No Fun, sagt er. Mir war es so mit freier Platzwahl überall auch lieber. Zum Abschied gibt’s Scampi in meinem neuen Lieblingslokal, nah dem Bahnhof auf dem Berg. Ich trage T-Shirt und Sonnenbrille, der Norwegerpulli und die Winterjacke sind im Handgepäck. Landung in München ist nach Plan um 20.30 Uhr.

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Montag, 22.00 Uhr, München Hauptbahnhof. Nach aktueller Verkehrslage, die wohl die gewöhnliche ist, brauche ich noch 4 Stunden bis Bamberg. Bis auf dieses Detail war die Reiseplanung ziemlich perfekt. Exposé wird gleich im ICE fertig gemacht. Nach aktueller Auszählung besteht das streng geheime Manuskript aus 54 Seiten und wird im Lauf der Woche per Eilboten an Autoritäten des Verlagswesens versandt. Reise um. Geschafft, im doppelten Sinn.

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