Die WOCHE HEUTE hat’s leicht fehlinterpretiert – und mit mir geredet, ohne dass ich dabei war

Es wäre mir wohl nicht selbst aufgefallen. Wenn ich vor Zeitschriftenregalen stehe, orientiere ich mich eher in Richtung Landlust oder Lissy. Die sind schon mindestens einen halben Meter entfernt von Titeln wie „Frau im Glück“, „Das Goldene Blatt“, „Neues Blatt“, „Neue Post“, „Neue Woche“ oder „Woche Heute“. Auf letztere wurde ich am Freitag  auf meiner Facebook-Seite aufmerksam gemacht. Ein Michael gratulierte mir zur Titelgeschichte. Was war passiert? Das hier:

Woche heute_Cover

Die „unglaubliche Geschichte“, das „Entführungs-Drama“ um Günther Jauch, ist, ich nehme es mal vorweg, eine Nacherzählung der Handlung meines Romans „Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers“. Ein WWM-Kandidat, der in der Sendung versagt hat, kompensiert sein seelisches Leid, indem er Günther Jauch entführt und so zu seiner Gewinnsumme kommen will.

Beim ersten Blick auf den Artikel auf Seite 6 ist auch schon ersichtlich, dass man sich keine Sorgen um Herrn Jauch machen muss. Ein Foto von mir und dem Buchcover sind prominent neben Günther Jauch platziert. (Freies Pressematerial, das darf man.) Dennoch dreht die „Neue Woche“ die Geschichte in Richtung Drama-Vorsehung:

Eine lustige Geschichte, die aber eine handfeste Gefahr für den realen Günther Jauch birgt: Sie könnte echte Gewaltverbrecher auf schlimme Ideen bringen.

Und dann kommt der Werther-Effekt. Echt.

Nachahmer gab es ebenfalls nach der Veröffentlichung von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther 1774 – eine Vielzahl von Selbstmorden.

Wer wird nicht gern mit Goethe verglichen? Danke dafür. Für einen etwas naheliegenderen Vergleich wird auch Natascha Kampusch herangezogen, für deren Entführung es plötzlich auch eine literarische Vorlage gegeben haben „soll“. Und dann noch was von einer Einbruchswelle, die auf einem Film beruht.
Als durchstudierter Journalist weiß man ja: These aufstellen, drei Beispiele nennen, braun ist die Wurst. So viel zur Lage der Nation. Und nun zu meinem konkreten Problem mit dem Artikel. Folgender offener Brief wird auch auf Topfvollgold, einem Watchblog für die deutsche Yellow Press, veröffentlicht, der die Geschichte bereits publik gemacht hat:

Liebe Woche Heute,

ich finde Ihren Namen etwas widersprüchlich, aber darum geht’s grade nicht. Auf die Realitätssuggestion Ihrer aktuellen Titelgeschichte, based on a true novel, will ich auch gar nicht weiter eingehen. Das ist ja Ihr branchenübliches Tagesgeschäft. Nachdem Sie im Artikel für die Auflösung des Rätsels gesorgt haben, wer hinter der nicht stattgefundenen Entführung steckt, stellen Sie als runden Abschluss diese Behauptung auf:

Dass jemand sein Buch falsch verstehen könnte – darüber hat sich Christian Ritter wohl weniger Gedanken gemacht.

Womit schonmal feststeht, dass Sie das Buch, über das Sie schreiben, gar nicht gelesen haben. Für die ganz, ganz Begriffsstutzigen gibt es in „Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers“ nämlich ein Nachwort, das mir ein Justitiar von Random House eigens verfasst hat. Da steht, und das ist trotz des unterhaltenden Tons ernst gemeint:

Rechtlicher Hinweis: Dieses Buch ist ein Roman. Alles, was darin steht, hat sich mit Ausnahme von einzelnen Abläufen aus Fernsehshows so nie ereignet, sondern ist erfunden und damit von der Kunstfreiheit geschützt. Insbesondere wurden selbstverständlich weder Günther Jauch noch […] oder andere dort genannte Prominente jemals entführt, noch erhalten diese für Entführungen eine Aufwandsentschädigung. Autor und Verlag warnen hiermit alle Leserinnen und Leser vor einer Nachahmung. Entführungen, auch sanfte, können sehr unangenehme Folgen haben und sind deshalb unter Androhung einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren streng verboten. […]

Den zweiten dort genannten Promi-Namen habe ich weggelassen, damit Sie für die nächste Entführungsstory etwas recherchieren müssen. Die Dame taucht auch öfter auf Ihren Titelblättern auf, Helene Fischer ist es aber nicht.

Jedenfalls, es ist eigentlich lächerlich, das zu erklären, besteht ein scharfer Unterschied zwischen Fiktion und Realität. Jeden Sonntag schauen Millionen Menschen den Tatort und nur die wenigsten von ihnen begehen danach einen Mord oder eröffnen einen Prostitutionsring. Ich komme noch mal zurück zu Ihrer Behauptung …

Dass jemand sein Buch falsch verstehen könnte – darüber hat sich Christian Ritter wohl weniger Gedanken gemacht.

… und stelle die Frage einfach mal zurück: Wie viele Gedanken haben Sie sich denn genau darüber gemacht, dass jemand Ihre Titelzeile falsch verstehen könnte?

Ich für meinen Teil behaupte an keiner Stelle, obwohl ich mit real existierenden Personen (und nicht wenigen) im Buch hantiere, dass diese „unglaubliche Geschichte“ irgendwie wahr wäre. Und Sie? Hm? Na, sehen Sie. Glashaus und so.

Was ich außerdem, im aktuellen Medienjargon, schon etwas frech von Ihnen finde, ist übrigens, dass wir nie miteinander gesprochen haben, Sie aber genau diesen Eindruck erwecken. Die Zitate, die Sie von mir verwenden, stammen aus einem Interview, das Ralf Heimann von der Münsterschen Zeitung vor zwei Wochen mit mir geführt hat. Und wieso habe ich kein Belegexemplar von Ihnen bekommen und musste den Artikel mühselig im Internet finden? Immerhin habe ich für Ihre Titelgeschichte gesorgt.
Außerdem: Welcher Ihrer Mitarbeiter war auf einer meiner Lesungen? Sie erzählen die Handlung exakt so lange nach, wie ich es auch tue, wenn ich öffentlich aus dem Buch vorlese. Hat er/sie wenigstens danach ein Exemplar gekauft, oder haben Sie die Recherchekosten von 8,99 Euro gescheut? So viele Fragen!

Vorerst danke ich Ihnen für die Aufmerksamkeit, die Sie meinem Buch haben zukommen lassen, hoffe, dass sich Ihr Heft wie geschnitten Brot verkauft und entschuldige mich stellvertretend für Sie bei Ihren LeserInnen, denen durch Ihr Titelblatt unkontrolliert der Angstschweiß ausbrach. Ich mache mir selbst Sorgen um Beatrice Egli, wegen dem Liebes-Aus (falls es ihr eigenes war), auch wenn ich gar nicht weiß, wer das ist.

Abschließend: In meiner Geschichte wird Günther Jauch sehr gut behandelt, es ist ja auch eine sanfte Entführung. Kein Grund zur Aufregung. Wie die Entführer es mit einfachen Hausmittelchen geschafft haben, ihn auf ihr Sofa zu bekommen, ist aber schon faszinierend, oder? … Achso, Sie haben’s ja gar nicht gelesen.

Sanfte Grüße,

Christian Ritter

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