Boris Beckers B-Buch

Ich fand Boris Becker schon peinlich, bevor sein Buch rauskam. Er ist einer der vielen Menschen, denen ich schon lange auf Twitter und Facebook folge, um mir einige Male am Tag ordentlich an die Stirn hauen zu können. (Andere Tipps: Lothar Matthäus und „Herr Tutorial“). Allein die Oben-ohne-Bilder, das gangstamäßige Posieren neben Mercedessen, Fotos von Sylvie van der Vaart in Unterwäsche. Und die Rechtschreibung. Immer wieder ein willkommener Anlass, die Gesichtszüge entgleisen zu lassen.

Jetzt steht er bei Amazon Deutschland auf Platz 1. In den Kategorien Tennis (geht klar), Sport (auszuhalten) und Politik (eigenartig).

Beckerbuch

Und am Montag dann auf Platz 1 auf der SPIEGEL-Sachbuchliste. Da führt kein Weg dran vorbei. Es ist frustrierend.

Vor allem ist es frustrierend für bücherschreibende Menschen (mich zum Beispiel), weil man genau weiß, dass er natürlich kein Wort selbst geschrieben hat. Er hat sich mit seinem (Co-)Autor, von Beruf „People-Journalist“, hingesetzt, ein paar Cappuccini geschlabbert und Wasabi-Nüsse geknabbert und so Sachen gesagt wie „Sie hat mir kein Frühstück gemacht. Stell dir das vor. Das kannst du ruhig schreiben. Das MUSST du schreiben! Die Leute müssen das wissen, sie WOLLEN es wissen.“ oder  „Den Rest denkst du dir einfach dazu. Du bist der Kreative. Ich geh in die Bar.“ Das war’s. Mehr muss man nicht machen als prominenter Prominenter, dessen Hauptberuf es seit einem Jahrzehnt ist, anwesend zu sein.

Keinen Mensch der Welt interessiert die Frage, ob das Buch denn wenigstens gut geschrieben ist. Ein irrsinniger Gedanke, tatsächlich. In der Kategorie Promi-Buch geht es um BILD-Vorabdruck, RTL Explosiv, Twitter-Krach, Talkshoweinladungen, Diffamierung, Voyeurismus, Verkaufszahlen. Aber doch nicht darum, dass man pro Seite wenigstens eine hübsche Formulierung hinbekommt, bei der der Leser denkt: „Huch, hübsch, das lese ich noch mal. Ganz langsam.“

Es gibt verirrte Seelen, die freiwillig zehn Jahre lang in einer Stadt wie z.B. Hildesheim Kreatives Schreiben studieren, nur mit dem Ziel, irgendwann am Ende des Tunnels ein Licht in Form einer eigenen Buchveröffentlichung zu sehen. Und das verkauft sich dann in den nächsten zehn Jahren so oft wie Beckers Buch heute morgen zwischen 8 und 9 Uhr. Das ist doch unfair!

Wieso kann man nicht irgendein neues Medium erfinden für solche Promi-Sachen? Müssen es immer Bücher sein?
„Das Leben ist kein Spiel“ ist ein Argument pro Kulturpessimismus.
„Kind, lies doch mal ein Buch“ ist kein fundiertes Argument mehr, wenn es um Bildungserwerb und die Anregung der Phantasie geht, wenn Buch gleich Buch ist.

Solche Bücher sollte man irgendwie kennzeichnen. Wie Promis. Entspricht der Schreiber nicht ganz den geforderten Qualitätskriterien, z.B. „wenigstens selbst geschrieben, mit Mühe und Schweiß und Tränen“ sollte es nicht als Buch, sondern als B-Buch gehandelt werden. Auf der B-Buch-Liste können sich dann Promis von A bis Z ihre schmutztriefenden Biografien um die Ohren hauen und der einfache, anspruchsvolle Leser könnte sich selbst davon verschonen, indem er nur auf die A-Liste schaut.
Das war mein Beitrag, um den Kulturbetrieb zu revolutionieren. Manche Dinge können so einfach sein.

Dass sich zum derzeitigen Zeitpunkt noch jedes Dahingeschreibsel auf Papier „Buch“ nennen darf und so eine Konnotation von geistdurchfluteter Wichtigkeit erhält, ist einfach überholt.

Hinsichtlich des Becker-Buchs bleibt nur ein Trost: Marcel Reich-Ranicki musste es nicht mehr erleben.

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Ein Gedanke zu “Boris Beckers B-Buch”

  1. Für mich stellt sich eher die Frage, wer eigentlich weniger in der Birne hat: Das „Bundes-Bobbele“ oder die, die für so was auch noch Geld ausgeben! Das Gesabbel würd ich nicht lesen, selbst wenn ich das Buch geschenkt bekommen würde!

Meine wichtige Meinung hierzu:

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