Ein großer Witz, ohne Pointe, erzählt von einem traurigen Clown – Rückblick auf die Aktion „Und? Schmeckt’s“

Zunächst mal: Nein. Es schmeckt nicht mehr. Ich habe in der letzten Woche, in der ich mich von Asylbewerber-Essenspaketen ernährt habe (siehe die letzten Blog-Einträge und das Interview mit jetzt.de) bleibende Eindrücke bekommen, wie drittklassig (mindestens) Asylbewerber in Bayern behandelt werden.

Mit diesem Eintrag beende ich die Aktion für mich, mit knurrendem Magen und einem auf mich wartenden Nudelsalat, frischem Brot und meiner Lieblings-Chili-Salami in Reichweite. Ich habe einfach keine Lust mehr. Es war ein echtes Befreiungsgefühl, mir eben, nach den wenigen Tagen der Entbehrung, einfach so Lebensmittel zu kaufen. Die nach einem Tag hartgewordenen Brötchenmassen habe ich an Enten verfüttert. Im Tiefkühlfach liegt noch Rinderhack. Ich habe die Aktion durchaus ernst genommen, habe bei einem Auftritt auf die angelieferte Pizza verzichtet und mitgebrachtes Brötchen mit Banane gegessen, zum Nachtisch eine Kiwi, mehr hatte ich nicht eingepackt, und ging sehr hungrig ins Bett. Ich habe zwischendurch öfter Lust auf ein Eis gehabt, aber grummelnd verzichtet. Jetzt ist’s aber genug.

Leider kann das aber nicht jeder so frei entscheiden wie ich. Ich hatte nur minimale Einblicke in die Verhältnisse, unter denen Asylbewerber hier zum Leben gezwungen sind und unter denen sie zu leiden haben. Allein, dass Woche für Woche die gleichen Lebensmittel in den Paketen sind, weil man sie irgendwann mal angekreuzt hat, womöglich noch ohne fremde Hilfe und in Unkenntnis der Sprache, ist grotesk. Das hat nichts mit Lebensqualität zu tun. Die gibt es einfach nicht für Asylbewerber, ist ja keine Sachleistung. Im Gegensatz wird ihnen ihr Dasein, so kommt es mit vor, so unertragbar wie möglich gemacht.

Besonders beeindruckt und berührt hat mich das „Gegeninterview“ zu meinem, in dem eine junge irakische Frau, die ihre Pakete gegen eine Geldspende von unserer Seite eingetauscht hat, von den Verhältnissen in ihrem Asylbewerberheim hier in der Nachbarschaft erzählt:

Im November habe ich es nicht mehr ausgehalten und habe mir die Pulsadern aufgeschnitten. Ich wollte nicht mehr leben, nicht so. Es sind nicht nur die Essenspakete. Wir sitzen hier im Wald fest, in einem ehemaligen Berghotel,was für eine Ironie. Es geht nur ein Bus früh morgens um sechs Uhr und einer am Abend zurück. Wenn ich einen Termin in Bamberg habe, muss ich den ganzen Tag dort bleiben und kann nichts tun, man braucht ja für alles Geld. Ich darf nicht arbeiten. Ich bin eigentlich Friseurin und würde gern arbeiten. Wir dürfen auch keine Sprachkurse machen. Wir dürfen uns nur innerhalb des Landkreises bewegen.

Ich wurde nun oft gefragt, was ich mir persönlich von der Aktion erhoffe. Gerade eben, während ich den Anfang schrieb, hat FOCUS Online angerufen, die morgen berichten werden. Der Anfang dessen, was man sich erhoffen kann, wurde und wird durch die Berichterstattung in regionalen und überregionalen Medien schon gemacht: Das Thema ist an der Öffentlichkeit, und vielleicht hilft das Sommerloch, es noch größer zu diskutieren.

Mein Mitesser, der Bamberger Oberbürgermeister, hat heute einen Brief an Horst Seehofer geschrieben, in dem er die Abschaffung des Sachleistungsprinzips und somit die Angleichung an die Verhältnisse im Rest von Deutschland fordert, also Ausgabe von Essensgutscheinen statt Pakete.

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Das ist schon mal eine gute Sache. Obwohl ich völlige Wahlfreiheit durch Essensgeld noch sinnvoller fände, denn die Gutscheine sind ja sicher auch an Händler gebunden, wie zum Beispiel die Kleidergutscheine nur in Billigläden wie kik eingelöst werden dürfen und man sich als Frau keine Männerhosen kaufen darf. Das ist alles ein großer Witz, aber ohne Pointe, erzählt von einem traurigen Clown.

Bleibt zu hoffen, dass es bei uns im Freistaat überhaupt politisch gewollt ist, etwas an der Situation der Asylbewerber zum Guten zu ändern. Noch bezweifle ich das.

Mahlzeit!

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