Uli Hoeneß‘ Duft

„Bevor wir die Sau am Samstag schlachten, darfst du auf ihr reiten“, sagte mein Opa zu mir, als ich fünf oder sechs Jahre alt war. Ich war noch nie bei einer Schlachtung dabei gewesen und dementsprechend aufgeregt. Tagelang tat ich mir mit dem Einschlafen schwer, weil ich mir die Schlachtung in all ihren Facetten ausmalte, ohne die geringste Ahnung davon zu haben, was bei so einer Schlachtung wirklich passiert. Alle sprachen nur selbstverständlich vom Schlachten, ohne mir irgendwelche Anhaltspunkte zu geben. Es scheint ein freudiges Ereignis zu sein, so viel bekam ich mit, alle fieberten darauf hin, das Tier tot zu machen und es danach zu essen. Aber wie man es tot macht, blieb zunächst meiner Phantasie überlassen.

Wie genau ich darauf kam, ist mir im Nachhinein rätselhaft, aber nach einigem Nachgrübeln war für mich klar: Es muss folgendermaßen funktionieren: Die Sau liegt in einer Badewanne und um sie herum stehen Männer mit Paddeln und hauen auf sie drauf, bis sie tot ist. Schlachten eben.

Das mag eigenartig klingen, wenn man selbst eine ganz andere Vorstellung von Schlachten hat, womöglich eine naturgetreuere, aber ich erinnere daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als so primitive Worte wie Ball, Haus und Max schreiben konnte. Das Wort Bolzenschussgerät hatte ich weder je gehört, noch kam eines zum Einsatz, auch kein Paddel übrigens. Klassischer, überraschender Kehlenschnitt, danach noch etwas Aufbäumen, Ausschlagen, usw, war aber schnell vorbei, aus die Sau.

Übrigens durfte ich vorher doch nicht auf ihr reiten. Mein kleines Lasso und den Faschingscowboyhut ließ ich unauffällig verschwinden, als ich bemerkte, dass ich mal wieder angelogen worden war. Ich tröstete mich mit dem Gedanken an meinen Geburtstag, an dem ich ein Paket, groß wie ein Auto und voll bepackt mit Ritter Sport-Schokolade, bekommen sollte, von Onkel Alfred, dem Schokoladenproduzenten aus der Schweiz. All das stellte sich später auch als Lüge heraus. Aber zurück zum Thema.

Alles geschah in Opas alter Scheune. Durch den sauberen Schnitt blieb der Kopf gut und ganz erhalten und wurde ausgekocht. Der Rest wurde mehr oder weniger fachmännisch zerlegt, die Flex kam zum Einsatz. Und direkt ab mit dem Schweinskram in die anderen Töpfe mit brodelndem Wasser. Der Boden schwamm vor Blut, es dampfte, und es roch, nach kochender Sau.

Der Grund, weshalb mir diese meine erste und einzige Schlachtung so gut im Gedächtnis ist, ist Uli Hoeneß. Immer, wenn ich ihn sehe, steigt mir der Duft der zerlegten Sau wieder in die Nase. Das war schon immer so, seit ich ihn das erste Mal in der Sportschau gesehen hatte. Ich rieche „schlachten“, wenn ich Uli Hoeneß sehe. Es ist die einzige synästhetische Wahrnehmung, die ich habe. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht doch: Uli Hoeneß macht Würste. Jeden Tag verlassen vier Millionen kleine Nürnberger Rostbratwürste seine große Nürnberger Rostbratwurstfabrik. Uli Hoeneß lässt also jeden Tag ein paar tausend Schweine schlachten. Wie das riechen muss! Ich weiß es: Wie in Opas Scheune. Und ob Uli Hoeneß jetzt auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern wilde Reden schwingt, für McDonald’s in die Kamera grinst oder bei Günther Jauch sitzt und über Gutmenschentum redet, ja er könnte sogar als Flauschebär in einen Stapel mit frühlingsfrischem Lenor gewaschener, dicker Handtücher hineinfallen: Für mich würde er noch immer nach toter Sau riechen, nach kochender, toter Sau.

Zumindest war das so bis vor ein paar Tagen. Da hat mich Uli Hoeneß erlöst. Wenn ich jetzt Bilder von ihm sehe, rieche ich nichts mehr. Vielleicht ein bisschen Kupfer, vielleicht ein bisschen modriges Papier, größtenteils aber nichts. Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen, uiuiui. Sollen sich andere darüber aufregen. Ich bin ihm doch irgendwie dankbar dafür, denn jetzt riecht er für mich nur noch nach Geld, wenn ich ihn sehe. Und das stinkt nicht so.

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