Die große Bücherschau, 1: Weiter oben

Da ich im Jahre 2013 insgesamt drei verschiedene Bücher publizieren werde, dachte ich, wäre es doch eine tolle Hinleitung, einfach mal von vorne bis hinten alle meine Bücher durchzugehen, versehen mit funny Anekdoten, von Vergangenem über Gegenwärtiges bis zu Zukünftigem. Das wird auch der Christian-Ritter-Forschung im 22. Jahrhundert die Arbeit etwas erleichtern.

Unter dem Motto „Oppa erzählt von früher“ beginnt es mit „Weiter oben“. Das gibt es schon gar nicht mehr zu kaufen. Und das ist gut so.

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Versetzen wir uns etwa ein Jahrzehnt zurück: Es war im Wintersemester 2003/04 und der Papst hieß Johannes Paul der Zweite, als ich das erste Mal als Zuschauer zu einem Poetry Slam im altehrwürdigen Bamberger Morphclub ging. Nora Gomringer moderierte und eigentlich war es noch gar kein richtiger Slam, denn es gab keine Wertung. Die erste Textperformance, die ich sah, kam von Casjen Ohnesorge. Er erzählte darüber, wie er sich einen Finger abschneiden würde und irgendwas mit einem kleinen Hund. „Nur Verrückte hier“, dachte ich, und fasste den Entschluss, auch mal mitzumachen.

Nach Abschluss einer Wette über einen Kasten Bier, „Haha, traust dich eh nicht“, musste ich dann tatsächlich meinen ersten Slamtext schreiben: „Weiter oben“. Ich habe mich geschämt, mir den Text selbst laut vorzulesen (= zu proben), da ich vor meinen damaligen Mitbewohnern nicht als wunderlich dastehen wollte, sollten sie an meinem Zimmer vorbeikommen. Also war mein erster Auftritt auf dem ersten Poetry Slam im Sommersemester 2004 tatsächlich auch die erste Gelegenheit, die Geschichte laut vorzulesen. Es war auch der erste richtige Slam mit Wertung in Bamberg. Absolutes Novum und meiner Nervosität sehr zuträglich, denn sie wurde noch viel, viel größer und ich musste mich mit viel, viel Bier beruhigen. Der Auftritt lief dann gar nicht mal so gut, ich habe mich etwa siebzig Mal verlesen, völlig falsch betont, konnte sowieso nur ein S aussprechen, ob stimmhaft oder stimmlos, und habe geschwitzt wie ein ungedämmter Kellerraum. Trotzdem gab es großen Applaus, ich kam ins Finale und habe das auch gewonnen, mit zwei spontan erdachten Limericks. Das waren noch Zeiten.

Zwei Jahre später hatte ich schon enorme Slamerfahrung, war außer in Bamberg auch in Metropolen wie Forchheim, Coburg, Erlangen, Frankfurt und Heidelberg aufgetreten (mehr gab es damals ja nicht) und habe den Würzburger Slam wiederbelebt bzw. neu erfunden. Es waren die berüchtigten, goldenen Gründerjahre, in denen der Whiskey in Pfützen auf der Straße lag und jeder vom Tellerwäscher zum Poetry Slammer werden konnte, der sich mehr als drei Sätze hintereinander merken oder aufschreiben konnte. Beim Aufschreiben war ich sehr fleißig, da sich meine eigentliche Haupttätigkeit (Studium) auf etwa vier Stunden Anwesenheit wöchentlich beschränkte. Also hatte ich nach zwei Jahren eine respektable Anzahl Texte fabriziert, von denen einige gut, einige Durchschnitt und viele absolut übelster Crap waren. Tatsächlich habe ich auch noch viel mit Lyrik gemacht zu der Zeit und etwas mit Mittelhochdeutsch experimentiert.

Es war 2006, der Papst hieß Benedikt der Sechzehnte, in Deutschland war Sommermärchen, und ich entschloss, dass es an der Zeit sei, mein erstes Buch auf den Markt zu schmeißen. „Die Welt wartet darauf“, schrie ich wieder und wieder, als ich die losen Textblätter überflog und mir selbst laut vorlas. Diesbezüglich hatte ich schon alle Hemmungen verloren, ich war auch in eine andere Wohnung gezogen.
Ich weiß nicht, ob es an der extrem guten Recherche meinerseits lag, aber es war tatsächlich so, dass ich nur einen einzigen Verlag gefragt habe und dort genommen wurde. An Selbstvertrauen mangelte es mir ja noch nie, ob berechtigt oder nicht sei dahingestellt, jedenfalls lief es so ab: Ich rief bei Peter Hellmund, meinem ersten Verleger, an und erzählte ihm, wie toll ich sei und wie lustig meine Geschichten. Wir vereinbarten ein Treffen in seinen Räumlichkeiten in Würzburg, wo ich ihm einiges zu lesen gab und wir ins Plaudern gerieten. Und dann sagte er am nächsten Tag zu, das Buch machen zu wollen. Ich packte alle (alle!) Texte, die ich seit meinem ersten Auftritt geschrieben hatte, zusammen, schickte sie ihm, irgendjemand lektorierte, ich überlegte mir, dass ein Aufzug ein prima Cover abgäbe und schon war das Ding fertig. Startauflage 200 Stück, wow, supi, ich fühlte mich wie der junge Schiller.
Da Peter Hellmund eigentlich ausschließlich Bücher über Würzburg verlegt, fand das Buch reichlich Verbreitung in bis zu vier Würzburger Buchhandlungen und ich kaufte die Hälfte der Auflage selbst auf, um sie nach Auftritten an den interessierten Leser zu bringen. Manche wundern sich ja heute noch, wie geschickt und wenig aufdringlich ich während meiner Auftritte auf den anschließenden Buchverkauf aufmerksam mache; das ist reine Übungssache, ihr jungen, scheuen Haselmäuse.

„Weiter oben“ wurde nach Abverkauf der ersten Auflage nie wieder aufgelegt. Ich besitze selbst noch vier Exemplare. Die paar anderen sind werweißwo verteilt. Eines sah ich mal in einem Bücherregal stehen, als ich mit meinem Mitbewohner bei einem „Running Dinner“ bei fremden Leuten essen war. Weit über den Main hinaus Richtung Norden hat es sicher keines geschafft.

Die Hälfte der Geschichten sind aber durch einen geschickten Kunstgriff weiter erhalten geblieben und in eine neue Daseinsform übergegangen. Wie das geschehen konnte, erzähle ich im zweiten Teil der großen Bücherschau.

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