Poetry Slam Reykjavík: Niceland

Auf diesem Bild sehen wir, wie ein als Waldschrat verkleideter Junge die Poetin während ihres Vortrags mit Rinderblut einreibt. Das ist der Poetry Slam in Reykjavík. Er wird einmal im Jahr ausgetragen und da ich grade in Island bin, habe ich mich als Pausenclown angeboten und durfte auftreten. Vorher habe ich fasziniert die Wettbewerbsrunde verfolgt, bei der ich kein Wort verstanden habe, die mich dennoch sehr gut unterhalten hat, die aber mit Poetry Slam so eigentlich gar nix zu tun hatte. Hieß eben so.

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Ich war sogar in der Grapevine, der Reykjavíker Terminzeitung, eigens angekündigt. Tatsächlich waren auch viele Leute anwesend, die deutsch verstanden haben. Ich habe zwar extra in liebevoller Detailarbeit zwei meiner Texte ins Englische übersetzt, dann aber auf Wunsch einer zufällig anwesenden Vertreterin der isländischen Hochkultur ein Stück Text auch auf deutsch gemacht. Das kam tatsächlich am besten an. Hat mir auch einen Folgeauftritt beschert: Dienstagmorgen an der Uni vor Germanistik-Studenten. Aber zurück zum Slam …

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Man hätte sämtliche Teilnehmer disqualifizieren müssen, wären die international gängigen Poetry-Slam-Regeln zur Anwendung gekommen. Weshalb, sieht man ganz gut auf den Bildern. Die einzige Regel in Reykjavík ist: Trage auf Isländisch vor, du hast 5 Minuten. Es gibt eine dreiköpfige Fachjury, die die Auftritte bewertet, und zwar in der Gewichtung 40 Prozent Text, 60 Prozent Performance. Dies erklärt so einiges. Requisiten, Verkleidungen, Instrumente, Hilfsmittel und Gesang kamen reichlich zum Einsatz. Gerne auch alles zusammen.

Hier sehen wir zum Beispiel einen Bücherturm, der parallel zum Vortrag gebaut wurde. Der rechte hat sehr geschwankt und wäre beinahe umgefallen, worin für mich die größte Spannung bei diesem Auftritt lag. Ging dann aber gut.

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Zwischendurch hatte auch die Moderatorin einfach mal Lust darauf, ein Lied zu singen. Es war lustig, anscheinend. Denn es wurde gelacht.

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Dann gab es noch zwei 12-jährige Rapper (von denen ich leider kein Bild gemacht habe), die sich von einem Dude auf dem Bass haben begleiten lassen, was zu hundert Prozent überhaupt nicht zusammengepasst hat, und diese Kameraden hier. Noch lacht der vordere Typ, im nächsten Moment fing er an, einfach ins Mikro zu brüllen und sich zur klassischen Geigenmusik auf der Bühne zu wälzen. Das waren meine Favoriten.

 

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Gewonnen haben dann aber die isländischen Pussy Riot. Die Frontfrau hat auch viel geschrien. Ich habe ein Video von der Zugabe (gleiches Lied wie in der Vorrunde, ein Finale gab es nicht) gemacht und werde es möglicherweise bei Facebook hochladen. Glückwunsch zum Rabattschein übrigens, falls ihr das lest, Mädels. Das war der Preis. Gilt in der ganzen Innenstadt und da ein Bier im Schnitt 6 Euro kostet, kann man damit echt was anfangen.

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Von mir selbst gibt es kein Auftrittsbild, aber man kann sich ja in etwa vorstellen, wie ich auf einer Bühne stehend aussehe. Mein Island-spezifischer Überleitungs-Gag zwischen den Texten – „If you don’t know ducks … they pretty much look like whales. Just smaller and with feathers. They are both swimming in the water, but are no fish.“ – kam über die Maßen gut an. Vielleicht werde ich doch noch Stand-Up-Comedian, aber nur im Ausland.

Der zweite Pausenfüller war ein recht guter Kontrast zu mir. Was wir auf diesem Bild sehen (oder nicht sehen), sind drei Typen in schwarz, mit Spitzkapuzen mit Augenlöchern. Einer rezitiert (schreiend, versteht sich) aus der satanischen Bibel, der andere spielt dazu Flöte, der dritte brennt ab und an eine Kerze an. Der Auftritt dauerte über zehn Minuten.

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Noch Fragen?

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2 Gedanken zu “Poetry Slam Reykjavík: Niceland”

  1. Da liegt wohl mehr Wert auf Slam als auf Poetry. Für mich klingt dein Bericht so, als ob sich die isländische „Wort-„Kunst-Szene gerade selbst entdeckt. So ein bisschen DaDa eben. Sehr netter Bericht! Beste Grüße, Ernst Froh

Meine wichtige Meinung hierzu:

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