Das dumme Publikum

Als ich mal beim Vorstellungsgespräch für ein Praktikum bei TV total war – ich habe es bekommen, in der Nachschau aber eine unrühmliche Geschichte für beide Parteien – bekam ich die Kreativaufgabe gestellt, mir in einem zehnminütigen Solo-Brainstorming lustige Dinge auszudenken, die man mit Elton auf der Pferderennbahn in Aachen veranstalten könne.
Die Herren Kreativdirektoren waren besonders von den sehr, sehr naheliegenden Ideen angetan. Absolute Nummer 1 bei ihnen:
Er soll sich einen großen Hut aufsetzen, weil die Damen beim berühmten Pferderennen in Ascot auch Hüte tragen. Wow! Da lachen die Leute dann, weil Männer ja sonst keine Hüte aufhaben und das guter Humor ist, wenn sich jemand zum Affen macht.
Mein Favorit, das politische Hintergrundgespräch mit einem Pferd in der Box (das Pferd sollte eine bestimmte Politikerin darstellen), fiel dagegen unter den Tisch.

Was dabei letztendlich herausgekommen ist, ist egal. Entscheidend ist, dass die Herangehensweise an die Aufgabenlösung einfach falsch war. Das Denken nicht aus der eigenen, sondern aus der Publikumsperspektive. Was wird erwartet, was muss erfüllt werden? Was finden „die da“ witzig? Was ist massentauglich?

Um guten Humor mit Stil zu produzieren, darf so nicht gedacht werden.

Ich habe mich nicht allzu oft, aber schon einige Male auf und hinter Comedybühnen herumgetrieben. Neben der Feststellung, dass geistiges Eigentum dort überhaupt keine Rolle zu spielen scheint und munter voneinander abgeschaut wird, fiel mir auch verstärkt folgende Einstellung auf: „Ich finde das gar nicht gut, was ich auf der Bühne bringe. Das ist nicht mein Niveau. Aber die Leute mögen es.“ Bitte? Erstaunlicherweise waren es genau diese Comedians, die dann auch die schlechteste Show geboten haben. Woran liegt es wohl?

Grade sitze ich an einem Roman, der, sagen wir mal, in die humorvolle Richtung tendiert. Ich könnte mich alle paar Stunden selbst ohrfeigen, wenn ich bei einer neuen Wendung zunächst an das Naheliegende und Erwartbare denke. Das kann doch nicht der Anspruch sein! „Klar, dass er das jetzt macht“, soll sich doch bitteschön kein Leser und kein Zuschauer denken müssen.

Aus Recherchegründen habe ich mir gestern „5 gegen Jauch“ angesehen, ein an sich nettes Konzept, das aber durch eine Überladung mit Peinlichkeiten, eigentlich immer in Verbindung mit Oliver Pocher, jegliche Spannung verliert und einfach lieblos aufgezogen ist. Warum? Weil immer, immer, immer das Naheliegende passiert. Weil die Macher denken, dass das Publikum das unbedingt sehen will. Wenn von Turnen an der Poledancing-Stange die Rede ist, steht Pocher nach der Werbung in einem Balletkostüm da und dreht sich um die Stange. Die „total peinliche“ Musik, die Jauch bei jeder Frage aufs Ohr gespielt wird, gibt es auch immer für ein paar Sekunden laut im Studio. Was ist das wohl meistens? Volksmusik. Wieso? Weil das lustig ist.

Nein, ist es nicht. Es ist der allererste, dumme Gedanke, der dem Redakteur im Kopf herumgeht, wenn er sich fragt, was witzig sein könnte. Im Endeffekt ist es Respektlosigkeit vor dem Publikum, da man ihm jegliche Intelligenz abspricht. Es ist falsch verstandenes Safety Play, indem man eine antiquierte Vorstellung von Humor zwanghaft Wiederbelebungsmaßnahmen unterzieht.

Es läge letztendlich am Publikum, das zu ändern. Aber diese schöne Utopie verfolge ich beiweitem nicht als Erster. Die Scheu vor eigener Gedankenleistung ist ein historisches Thema. Es ist schon ein Weilchen her, dass Kurt Tucholsky so ziemlich das Gleiche formuliert hat, gebracht hat es wenig.

An das Publikum

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: »Das Publikum will es so!«
Jeder Filmfritze sagt: »Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!«
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
»Gute Bücher gehn eben nicht!«

Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?
So dumm, dass in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte …

Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?
Ja, dann …
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser –?
Ja, dann …
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

Theobald Tiger, Die Weltbühne, 07.07.1931, Nr. 27, S. 32

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