Heiterer Mailverkehr zum Weltuntergang

Mail vom 3.10.2012:

Hallo Herr Ritter,

Mein Name ist XXXXX vom neu gegründeten XXXXX Literaturverlag. Wir als Verlag wollen ab Dezember 2012 alle drei Monate das Magazin „Lyrik Frontal“ herausbringen. Für die jeweilige Ausgabe wird dabei immer ein bestimmtes Leitthema gewählt, zudem [sic!] bekannte und noch unbekannte Lyriker gefragt werden, ein Gedicht zu verfassen, welches dann in der jeweiligen Ausgabe erscheinen wird. Für diese erste und neueste Ausgabe wollten wir daher bei ihnen [sic!] anfragen, ob sie [sic!] vielleicht ein Gedicht für das Magazin verfassen wollen. Das Thema dieser Ausgabe wäre Literatur zum heraufbeschworenen und sagenumwogenen [sic!] Weltuntergang, um dem [sic!] sich ja einige Mythen herumgebildet haben, und der uns am 21.Dezember 2012 blühen soll.

[…]

Bei weiteren Fragen können Sie mir gerne eine E-Mail schicken oder mich auch gerne anrufen.

[…]

Mit freundlichen Grüßen und danke für ihre [sic!] Zeit

XXXXX

Antwort vom 4.10.2012:

Ich kann die Antwort ganz kurz halten: Ich bin kein Lyriker.

Grüße,
Christian Ritter

Mail vom 4.10.2012

Haben sie [sic!] nicht an Poetry Slams teilgenommen? Unter dem Wort Lyriker, verstünden wir aus [sic!] das Wort Dichter 🙂

Liebe Grüße, XXXXX

Darüber denken wir jetzt mal ein paar Minuten lang nach …

Antwort vom 5.10.2012

Ja, an ein paar hundert Poetry Slams habe ich schon teilgenommen.

Haben Sie denn schon mal einen angesehen?

Grüße,
CR

Mail vom 5.10.2012

Leider noch nicht, würden sie [sic!] sich jedoch vielleicht zutrauen ein Gedicht für unsere neueste Ausgabe zu verfassen? Wir würden uns sehr freuen, auch einige bekanntere Namen in der deutschen Dichterlandschaft dabei zu haben.

Liebe Grüße, XXXXX

Antwort vom 7.10.2012

Nehmen Sie doch dieses Gedicht, das ich nun eigens zum Thema geschrieben habe:

21122012 3 2 1 Buff

Damit sollte die Sache vom Tisch sein, nicht? Aber ich glaube, wenn man einmal mit dem Ernstnehmen und der Begriffsstutzigkeit angefangen hat, kommt man davon nicht mehr los. Es ist wie eine Sucht …

Mail vom 8.10.2012

Wo ist das Gedicht zu finden?

Antwort vom 9.10.2012

Wie meinen Sie?
Ich habe es Ihnen doch geschickt.

Es ist noch lange nicht vorbei.

UPDATE

Mail vom 10.10.2012

Oh man, die paar Poetry Slams und Bücher die sie geschrieben haben scheinen ihnen ja ganz schön zu kopfe gestiegen sein.

Antwort vom 10.10.2012

Lieber Herr XXXXX,

Sie haben Recht. Zu Kopf gestiegen in dem Sinne, dass man darüber nachdenkt und abwägt, wo man gerne publiziert sein würde.

Was glauben Sie, wie viele derartige Anfragen mich und andere Poetry Slammer erreichen? Da wir schon auf der Ebene angekommen sind, gegenseitig konstruktive Kritik zu üben, möchte ich Ihnen erklären, weshalb Ihre Anfrage bei mir auf taube Ohren stößt:

Sie setzen Poetry Slam pauschal mit einem Lyrikwettbewerb gleich, ohne je einen Slam gesehen zu haben. Sie sind der Meinung, man könne einen Poetry Slam schreiben, wie Sie erst vorhin geschrieben haben. Sie haben also überhaupt keine Ahnung, welche Art Texte ich konkret produziere und worum es bei einem Poetry Slam geht. Wenn Sie sich nicht die Mühe machen, ein bisschen zu recherchieren, bevor Sie Anfragen an alle Leute schicken, die Google in Verbindung mit „Poetry Slam“ ausspuckt, fühle ich mich schlichtweg nicht ernstgenommen. Und darauf folgend kann ich auch Ihre Anfrage nicht ernst nehmen. So einfach ist das.

Im Übrigen finde ich das Thema in meinem Gedicht „21122012 3 2 1 Buff“ hinreichend bearbeitet und gut umgesetzt. Ein Gedicht braucht nicht immer Reime, oder mehr als eine Zeile. Das ist Kunstfreiheit! Sie können es weiterhin gerne abdrucken.

MfG,
Christian Ritter

Weitere Mail vom 10.10.2012

Lieber Herr Ritter,

Ich habe selbst schon an zahlreichen Poetry Slams teilgenommen und weiß daher sehr wohl, worum es bei ihnen geht und wie sie ablaufen.

[…]

Dass sie sich anscheinend sehr viel darauf einbilden, auf an ein paar Poetry Slams teilgenommen zu haben, auf denen oft jeder sprechen kann, ein paar Bücher verfasst und eine eigene Internetseite zu haben, stimmt mich sehr traurig und ich würde ihnen dringlichst davon abraten, sich bei einer solchen Disziplin auf ein hohes Ross zu setzen. Erstens kann das Ziel von Lyrik nicht sein durch sie bekannt zu werden, und Ruhm zu erlangen, denn das Ziel von Lyrik ist immer die Botschaft die man mit ihr verfolgt selbst, hinter die der Autor demütig zurücktreten sollte und zweitens [… Blabla …]

Dass ein Gedicht nicht immer einer bestimmten Form entsprechen muss ist klar, einst sollte es jedoch erfüllen und das ist, dass der Autor es mit Herz oder Seele geschrieben haben sollte. Das sie das nicht haben, kann ich zwar nicht von ihrem Text selbst, jedoch aus unserer Unterhaltung nachvollziehen, da sie dem Thema anscheinend keinen Moment gewidmet haben.

Liebe Grüße und weiterhin viel Glück,
XXXXX

Weitere Antwort vom 10.10.2012

Ich werde aus Ihnen nicht schlau. Sie reden noch immer nur von Lyrik. Ich habe mit Lyrik nichts am Hut, ich schreibe Kurzgeschichten. Und Sie widersprechen sich selbst, da Sie vor ein paar Tagen geschrieben haben, dass Sie noch keinen Slam angesehen haben und nun behaupten Sie, schon an zahlreichen teilgenommen zu haben.

Es wird langsam etwas absurd.

Weitere Mail vom 10.10.2012

Ich habe noch keinen Slam von ihnen gesehen, worauf die Frage bezogen war und zweitens, genau um das herauszufinden hatte ich ihnen ja gerade die zweite mail geschrieben, ob sie Lust hätten ein Gedicht zu schreiben, welches sie dann mit ziemlich plumpen antworten beantwortet hatten, anstatt einfach ein kurzes nein zu sagen, welches schon gereicht hätte.

Fazit:
Meine Neins fallen eben ab und an etwas länger aus. Und ich verliere schnell das Interesse an einem Spielzeug, wenn mir ein anderes hingehalten wird. Übrigens suche ich noch jemanden, der ein Gedicht von mir zum Thema Weltuntergang veröffentlichen möchte.

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6 Gedanken zu “Heiterer Mailverkehr zum Weltuntergang”

    1. Wie kommst du zu der Annahme? Wenn ich mich in Anfragen gewertschätzt fühle, antworte ich auch in gutem Ton. Wenn ich aber keinerlei Mühe oder Vorwissen herauslesen kann, werd ich ein bisschen kreativer in meinen Antworten.

  1. Bei dem Gedicht tat ich mir schwer,
    denn Lyriker bin ich nicht und war es nie
    doch ob ihr Verstand oder Weltuntergangstheorie
    ich zweifele an beiden sehr! 😀

Meine wichtige Meinung hierzu:

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