Poetry Slam for Dummies

Wie wahrscheinlich jeden Slammaster erreichen mich ziemlich viele Mails, in denen ich nach Auftrittsmöglichkeiten auf einem meiner Poetry Slams gefragt werde. Ganz ehrlich: Mir ist es manchmal bis oft wirklich zu aufwändig, eine Antwort zu schreiben, wenn ich keinerlei Mühe oder zumindest entfernte Fachkenntnis aus den Mails herauslesen kann. Und wenn, dann fällt die Antwort selten freundlich aus. Naja, so bin ich halt.

„Hey, ich bin der WortArtist und würde gerne bei euch auftreten. Würde mich riesig freuen, wenn es klappt. Grüße, J.“ ist eine beispielhafte Wiedergabe einer solchen „Anfrage“, nur in Nuancen verändert. Oder aber: „Ich bin Dingsda und am Soundsovielten habe ich noch Zeit. Dein Slam ist mir aufgefallen und ich trete gern auf. Fahrtkosten 160 Euro.“

Außer Frage steht, dass es wünschenswert ist, auch (noch) nicht bekannten Slammern einen Auftritt bei jedem Slam zu ermöglichen, zu dem sie gerne kommen wollen. Poetry Slam ist ein offenes Format und lebt von der Risikofreude und dem Darstellungsdrang der Teilnehmer. Die Übernahme der Fahrtkosten und das Stellen einer Unterkunft ist dabei, das ist kein Geheimnis, selbstverständlich. Das muss nicht extra ausgehandelt werden. Wenn es einen Slam gibt, bei dem dies beides nicht garantiert ist: Finger weg. Ich kenne keinen. Und ich kenne eigentlich alle. Genauso wie ich auch so ziemlich alle aktiven Slammer kenne, die die ganze Sache seit mehr als einem halben Jahr betreiben. In der Slamszene herrscht ein kumpelhafter Umgang miteinander, bevor man sich aber einmal die Hand gegeben, ein Getränk zusammen konsumiert oder sich von Angesicht zu Angesicht gewertschätzt, gedisst oder aus dem Wettbewerb geschmissen hat, sollte sich keine allzu große Selbstverständlichkeit einschleichen und im Zweifelsfall hilft Nettigkeit sowieso immer.

Irgendwann kommen die Momente, in denen man feststellt „Huch, ich bin gar kein Rookie mehr, ich bin mitten in der Slamszene“ und „Huch, ich bin mittlerweile nicht mehr unbedingt immer der Jüngste im Line-Up“. Wenn man das beides hinter sich hat und vielleicht auch nicht mehr so viele Auftritte absolviert wie einstmals, fängt man spätestens an, gute Ratschläge zu verteilen und von früher zu erzählen. Ja, ich spreche von mir. Ich beschränke mich heute mal auf die Ratschläge:

1. „Respect the poets“ ist die oberste Regel eines jeden Poetry Slams. Auch wenn ich von dem Respektgelaber („Ey, hasch du kein Reschpekt von mir oder waas?“) üblicherweise nichts halte: das sollte man sich ausnahmsweise zu Herzen nehmen. Und zwar auch schon bei der Kontaktanbahnung vor einem Slam. In unserer Szene ist es die Ausnahme, dass Veranstalter/Slammaster nicht zugleich selbst Slammer sind. Mit allen kann man einen netten Abend verleben. Für die gegenseitige Sympathie lässt sich sorgen, wenn man nicht schon beim ersten Piep, den man von sich gibt, negativ auffällt.

2. Man fällt negativ auf, wenn ich als Antwort auf eine Auftrittsanfrage zehn Rückfragen stellen muss, angefangen mit „Wie heißt du überhaupt?“. Ratschlag an Einsteiger: Erwähnt in einer Mail oder einer Nachricht bei Myslam, woher ihr kommt, ob und wo ihr schon mal geslammt habt, weshalb ihr euch nun gerade diesen Slam ausgesucht habt und ob ihr davor und danach noch andere Slams in der Gegend gedenkt mit eurem Auftritt zu beehren. Oder fragt nach Verknüpfungsterminen. Jeder Slammaster kennt günstige Anschlussauftrittsmöglichkeiten in der Nähe seines Slams, wenn es welche gibt, oder hat gar selbst welche. Touren macht mehr Spaß als für einen Fünfminutenauftritt insgesamt 10 Stunden im Zug zu sitzen. Beim gemeinsamen Herumreisen lernt man auch die Kollegen gut kennen. Poetry Slam ist nicht nur der Wettbewerb und die fünf Minuten auf der Bühne. Es ist eine Sekte Gemeinschaft meist netter und aufgeschlossener Menschen, die erstaunlich gut miteinander auskommen.

3. Die Regeln eines Poetry Slams werden vor jeder Veranstaltung überall in ganz Deutschland immer und immer wieder erklärt. Dies dauert jeweils nur 20 Sekunden bis eine Minute, weil es sehr wenige und einfache Regeln sind. Genauso einfach ist es, sie im Internet zu finden. Mir bleibt leider nichts übrig, als laut zu lachen, wenn ich angerufen und gefragt werde „Kann ich meine Gitarre mitbringen? Die anderen Musikeinspieler für meinen Auftritt habe ich auf CD dabei und mein Programm dauert etwa 15 Minuten. Ich rezitiere Gedichte von Wolfram von Eschenbach und Robert Gernhardt und trage dabei eine Scream-Maske.“ Mein Ratschlag hierzu: Habe Mut, dich deiner Suchmaschine zu bedienen!

4. Grundkurs Wortschatz: Wenn sie es aus Trendgründen nicht ohnehin tun, werden sich jedem Slammer sämtliche verfügbaren Haare senkrecht aufstellen, sobald das Wort „Slam“ in falschem Zusammenhang benutzt wird. Ein Slam ist weder ein Text noch ein Auftritt. Obwohl sich beides so wunderschön sagen lässt („Ich habe einen Slam über Schildkröten geschrieben.“ / „Ausgerechnet während meines Slams sind vier Bierflaschen im Publikum umgefallen. Doof.“) ist es falsch.
Poetry Slam ist das Veranstaltungsformat, der Rahmen, die Veranstaltung. Ein Text ist ein Text und kein Slam! Will man anglizistisch korrekt glänzen, kann man seinen Text auch „Slampiece“ nennen, dann passt das.
Verwirrung kann bei Einsteigern durchaus entstehen, da sich mittlerweile und spätestens seit dem SLAM2010 der Ausruf „Schreib da mal nen Slam drüber!“ als Szenewitz großer Beliebtheit erfreut. Sorgt aber nicht zu 100 Prozent für massenhaft Lacher, also vielleicht doch lieber sein lassen.

5. Nur nicht davon einschüchtern lassen, was der alte Mann erzählt. Solltest du den Link zu diesem Artikel als Antwort auf eine Mail an mich bekommen haben, weißt du spätestens jetzt, warum. Ich freue mich auf den zweiten Versuch.

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3 Gedanken zu “Poetry Slam for Dummies”

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