In der Mutter aller Städte. Deutsch-tschechischer Poetry Slam im Goethe-Institut Prag. Eine Nachbetrachtung.

„This isn’t Germany. You are in Czech Republic“, sagt die nette tschechische Slammerin und reicht Theresa Hahl ihre unachtsam auf der Straße abgestellte Tasche. Auf die Frage, weshalb Tschechien, schon aufgrund der Bequemlichkeit für deutsche Gäste, nicht längst den Euro eingeführt habe, bekommen wir zur Antwort, dass, von den derzeit ungünstigen wirtschaftlichen Faktoren abgesehen, die Tschechen dann sowieso bei der Umstellung beim Wechselkurs bescheißen würden. „That’s how we do it.“ Sympathisch irgendwie.
(Mit der gleichen Selbstverständlichkeit wurde auch die Fleischeinlage in Theresas „vegetarischer“ Suppe erklärt.)

Grade weil man zu diesem Spielgeld (tschechische Kronen) irgendwie gar keinen Bezug hat, der Wechselkurs liegt bei 1:25, stellt sich recht schnell Gleichmut ein, wenn bei jedem Einkauf gerade kein passendes Geldstück zum rausgeben da ist oder eine scheinbar willkürlich festgelegte Servicepauschale auf die Essensrechnung draufgeschlagen wird. Wie wir am zweiten Tag herausfanden: Eigentlich gibt es gar keine Servicepauschale. Zumindest nicht für Tschechen.

Allerdings machten wir es aller Art von Gaunern auch nicht schwer, uns als naive Touristen zu erkennen. Symbolisch hierfür steht eine Szene, in der Bo Wimmer, Temje Tesfu und ich einige Minuten ratlos in den Stadtplan sahen, die Köpfe interessiert in alle Richtungen reckten, schließlich zehn Meter gingen und vor unserem Hotel standen. Am Ende einer mehrstündigen Suche nach „less touristic quarters“ in Prag mussten wir außerdem feststellen, dass wir in genau so einem wohnten, uns also sämtliche Wege hätten sparen können.
Aber Prag ist ja sehr schön anzusehen, der Spaziergang war lohnenswert – und wäre ohne Bo Wimmers Erzählungen von seinem letzten Prag-Aufenthalt 1994 nur halb so schön gewesen.

Der deutsch-tschechische Poetry Slam an sich war dann „very Goethe-Institutish“ (Jan Jîlek) im herrschaftlichen Prunkbau direkt an der Moldau.
Mir war die ganze Zeit über nicht ganz klar, welche Publikumsteile nun welche Sprache verstehen. Die deutsche Nationalmannschaft tat sich jedenfalls schwer, die Kontrahenten inhaltlich ganz zu begreifen – et vice versa. Kurze Nachfragen hinterher klärten aber manches Unverständnis („It was all about chicken.“ / „The text didn’t really have a meaning or something.“).
Nebenbei erwähnt sei noch, dass Deutschland sich mit 14 Punkten Vorsprung gegen Tschechien durchsetzen konnte – bei einer möglichen Maximalpunktzahl von je 1.120 Punkten. Ein recht knapper Sieg also, der aber sowieso jedem egal war. Die Partey im Anschluss im hochherrschaftlichen Nationaltheater brachte die Völker schließlich unter dem verbindenden Schirm des Becherovka zusammen, außerdem gab es Zigaretten auf Goethes Rechnung und Sachertorte. Das könnte man öfter haben. Liebe Goethe-Institute der Welt, ich bin bereit!

Und jetzt baue ich aus den übrig gebliebenen Kronen-Münzen die Karlsbrücke nach …

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