Merkwürdige Dialoge (29): Der Kommentator

Es läutet. Frau Permer, gestresst und fahrig, hastet zur Türe, streicht sich einen Teil des an der Stirn haftenden Ponys nach links, öffnet.

Frau Permer: Herr Hubel!
Herr Hubel: Ganz recht, Frau Permer!

Herr Hubel sieht mahnenden Blicks vom Boden auf, wie er es zu Hause (nebenan) im Spiegel geübt hat. Nach einer wirkungsvollen Pause beginnt er seinen Vortrag.

Er: Was in des hohen Herren Namen veranstalten Sie hier?
Sie: Wir feiern Geburtstag. Vicky wird fünf.

Herr Hubel faltet die Hände und hebt sie in dramatischer Pose über den Kopf.

Er: Frau Permer! Müssen sie nun auch noch dem verzogenen Kind eine Feier ausrichten? Haben Sie sonst keine Probleme?
Sie: Im Grunde nicht, nein. Uns geht es gut.
Er: Wie können Sie so etwas sagen? Lesen Sie keine Nachrichten? In Ägypten werden die Menschenrechte beschnitten, es gibt kein Internet, das Volk ist aufständisch, und Sie feiern Kindergeburtstag! Schämen Sie sich was!

Sie blicken sich beiderseits verwundert an.

Sie: Was ich Sie schon immer mal fragen wollte, Herr Hubel, was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?
Er: Den Großteil meiner Zeit verbringe ich damit, mich zu informieren, belanglose Artikel im Internet zu kommentieren und kritisch zu hinterfragen. Ich weise mit Vorliebe darauf hin, dass ich von dem jeweiligen kostenlosen Angebot enttäuscht bin, da es Bedeutenderes zu berichten gäbe, der Autor seinen Berufsethos in Frage stellen solle, kurz: dass ich mir echten Qualitätsjournalismus wünsche. Einen zweiten Wallraff, einen Augstein, Sie wissen.
Gerne kommentiere ich nonchalant mit „Was soll das?“ oder mit der Langfassung, in etwa so:
„Dieser faktenarme Artikel war die Vergeudung meiner teuren Lebenszeit nicht wert! Wo bleiben die kritischen Stimmen? WO BLEIBEN SIE? Wollen Sie uns etwas verheimlichen? Im Fernsehen kann ich nicht nachsehen, da ich nicht fern sehe. Aus Prinzip.“
Wissen Sie, Frau Permer, wir Internetkommentatoren lassen uns nicht verdummen und sehen nicht fern, niemals, und wir werden nicht müde, es täglich mehrmals zu wiederholen, mit Vorliebe unter Artikeln in Fernsehforen oder Medienblogs über das Dschungelcamp. Wo kämen wir hin, wenn nicht jeder seine kritische Meinung absondern könnte? Mir kann keine Meinung kritisch genug sein, ich finde immer noch eine bemerkenswerte Ergänzung. Übrigens sehe ich nie fern.
Sehen Sie fern? Oder gar Ihre Kinder? Das können Sie nicht zulassen! Frau Permer, so sagen Sie doch was!!
Sie: Ich glaube, der Eistee ist alle.

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2 Gedanken zu “Merkwürdige Dialoge (29): Der Kommentator”

  1. Gerne schreiben diese Menschen auch lange Mails an Politikerinnen und Politiker, und Praktikantinnen und Praktikanten dürfen das dann beantworten…

Meine wichtige Meinung hierzu:

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