Merkwürdige Dialoge (27): Die Telefonfrau

Im ICE von Bochum nach Würzburg. Ich beantworte Mails mit meinem veralteten iPhone. Eine hysterische Frau steigt zu, stolpert ins Abteil.

Sie: ICH BRAUCHE EIN HANDY!
Ich zeige mich unbeeindruckt.
Sie kreischt den Mann gegenüber an, der nur Englisch versteht, wie sich schnell herausstellt: Cell Phone! Your Cell Phone! I really really need it!
Er zuckt die Schultern. Sie verzweifelt zunehmend.
Ich beschließe heroisch, die Dame aus ihrer Verzweiflung zu retten.
Ich: Können meines haben! Was ist denn Schlimmes passiert?
Sie: Ich habe mein Handy vergessen!
Ich: Das dachte ich mir.
Sie: Im Auto von meiner Freundin. Jetzt bin ich im Zug!!
Ich: Sieh an.
Sie: Heute ist Sonntag!
Ich:
Sie: Ich habe jetzt zwei Tage lang kein Handy. Wenn Sie es gleich losschickt.
Ich: Wofür genau brauchen Sie jetzt meines?
Sie: Ich rufe mich selbst an. Also meine Nummer. Und dann sage ich ihr, sie soll es sofort in ein Paket packen. ZWEI TAGE KEIN HANDY!!!
Ich: Ja gut.
Gebe es ihr.
Sie: Das ist ja ein iPhone. Haben Sie da Wochenend-Flat?
Ich: Erm, ja.
Ich denke: Sie wird doch nicht…

…10 Minuten später…

Sie (noch immer ins Telefon): … und die Karin am Freitag! Die hat den Prosecco ja wohl auch nicht ganz vertragen. Das Kostüm hatte sie letztes Jahr auch schon an. Naja, bei ihrem Einkommen, ist ja auch nicht das Wahre. Aber muss man das jedem unter die Nase …
Ich übe im Fenster mahnende Blicke und schieße sie ihr entgegen. Sie winkt beiläufig mit zwei Fingern zurück.

…5 Minuten später…

Sie (zu mir): Sie sagen es, wenn Sie es wieder brauchen, gell? Ich rufe eben noch meinen Freund an.
Ich: So allmählich …
Sie: Schatz, du glaubst es nicht! Ich hab mein Handy bei der Sabine im Auto liegen lassen. Ja, schlimm. Mööönsch. Und wie war’s bei dir so?

Er hat sich Samstag mit Ralf und Heidi auf einen Cocktail getroffen, dann wurden es drei, nachmittags war er auch beim Fitness, erfahren wir. Sie wiederholt gerne die Aussagen ihrer Gesprächspartner. („Auf einen Cocktail. Mhm. … Und dann wurden es drei. Ha!“)

Auf Höhe Frankfurt bekomme ich mein Telefon schließlich mit reichlich Dank und 8 Prozent Akku zurück. Beschließe daraufhin, die Sache mit der Nächstenliebe grundsätzlich zu überdenken.

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2 Gedanken zu “Merkwürdige Dialoge (27): Die Telefonfrau”

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