Kolumne zur Nacht: Literaturwettbewerbe und Mario Adorf

Es ist 3.33 Uhr.

Der Laptop durfte mit ins Bett. Sein Bildschirm beleuchtet die Tastatur, ansonsten spare ich Strom. Draußen fährt alle 5 Minuten ein Taxi vorbei, oder ein Polizeiauto. Anderes verkehrt nicht um diese Zeit. Busse stellen um 20.30 Uhr die Fahrten ein. Ich sehe YouTube-Videos mit Fernsehausschnitten von 1966, auch frühere Aufnahmen. Ein Hitlervideo ist wegen Rechtsverletzung in meiner Region nicht verfügbar.

Facebook schläft. Vor 10 Minuten habe ich ein Gutenachtgedicht gepostet, das noch nicht mal von Jessica Rodrian kommentiert wurde.

Vielleicht sollte ich mal wieder was für so einen Schreibwettbewerb verfassen, für manches bin ich nächstes Jahr zu alt. Zwei Wettbewerbe haben das Thema „2020“. Da würde ein Text genügen für einmal 150 Euro und einmal einen noch geheim gehaltenen Hauptpreis, sicherlich ein Büchergutschein.

Schreibwettbewerbe sind die Call-In-Shows des literarischen Betriebs. Lässt man sich darauf ein, versucht man über zu lange Zeit, durchzukommen. Das Resultat lohnt die Mühe nicht.
Am Ende sitzt man in einem Naturkundemuseum in der Oberpfalz vor 15 naturkundlich-literarisch interessierten Oberpfälzern, die einem oberpfälzisch den Mund verbieten, wenn man seinem Wettbewerbsbeitrag einen flotten Spruch zur allgemeinen Erheiterung vorausschicken möchte. Es gehe hier um die Literatur, hat die eine Tante gesagt und die anderen Tanten haben bedeutend genickt. Hallo, das ist nicht Klagenfurt, ihr Schnepfen. Ich fühle mich sonderbar unwohl bei Veranstaltungen, wo gedeckte, festliche Garderobe aufgetragen wird, nur um andere vorlesen zu hören. Das Kleid kommt sonst nur aus dem Schrank, wenn mal wieder die beste Freundin verstorben ist. Am Ende steht man dann zusammen, unter den Pranken eines großen Bären, happt gemeinsam Häppchen und hofiert sich aufs Widerwärtigste: Wie ausdrucksstark doch diese Passage war und wie gefühlvoll jene, und die Allegorien erst, allerliebst, da habe man sich durchaus zu einem überraschten Räuspern hinreißen lassen. Ob man nicht noch dem Förderverein beitreten wolle, bevor man abfährt? Nein.

Nein, ich werde mich in absehbarer Zeit an keinem Schreibwettbewerb beteiligen. Wobei mich die Themenvorgabe „lesbischer Liebesroman“ durchaus ein Stück weit reizt. Ich denke da an eine Installateurin, die ein Rohr in einem Gutshaus verlegen soll, auf dem die feine Dame Lady Pussington residiert, aber lassen wir das. Lesbische Liebesromane sollte man doch eher in lesbische Schriftstellerinnenhände legen, die kommen schon von selbst auf ihre einfallsreichen Bücher namens „Mein Geheimnis bist du“, „Verirrte Herzen“, „Es begann mit einem Kuss“ oder „Liebe in Schottland“, und das waren nur die ersten Treffer bei Amazon. Wenn man selbst nicht lesbisch ist, versteht man das wahrscheinlich nicht, da sollte man sich raushalten. Sowieso sollte man sich raushalten aus Dingen, von denen man nichts versteht. Ein Teufelskreis.

Mario Adorf saß neulich in einer Talkshow im Dritten und barritonte aus tiefster Brust, dass alle Schwulen so herzliche Menschen seien. SO HERZLICHE MENSCHEN, DIESE SCHWULEN! Dabei schlug er freudig die Hände zusammen und legte eine Extraschicht Glanz auf sein Gesicht. Ich kann mir keine diskriminierendere Aussage vorstellen. Genauso wie nicht alle Tintenfische Ehrenbürger von spanischen Kleinstgemeinden werden, gibt es vielleicht auch unter Homosexuellen den ein oder anderen unherzigen, ja vielleicht sogar ein bisschen gemeinen Typen, eventuell hat man gar einen Strafzettel bekommen oder jemanden erschossen. Gleiches soll auch schon unter Schauspielern vorgekommen sein, hört man. Aber ich möchte mich nicht in Rage schreiben.

Draußen stört eine Krankenwagensirene die Nachtruhe. Unangenehm sicherlich für die Leute, die gerade schlafen. Aber einer freut sich.

Es ist 4.23 Uhr.


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