Merkwürdige Dialoge (11): Kopfhörer

Zugfahrten sind ein fruchtbarer Acker für diese Kategorie. Auf der Regio-Fahrt von Münnerstadt nach Bamberg: Ein Herr weit jenseits der Rentengrenze (im Folgenden Opi 1 genannt) hat sich auf die alten Tage einen Laptop gegönnt und schaut laut abteilfüllender Geräusche einen französischen Kriegsfilm. Ein Ehepaar schräg gegenüber entrüstet sich (männlicher Part: Opi 2, weiblich: Omma):

Opi 2: Du, mach dir mal Kopfhörer rein!

Opi 1 zeigt keine Reaktion.

Opi 2: DU!! KOPFHÖRER!

Warum duzen alte Leute eigentlich vorbehaltlos jeden anderen? Opi 1 merkt auf.

Opi 1: Was?

Omma: Da fragt er noch.

Opi 2: Wir wollen das nicht mithören. Mach dir Kopfhörer rein!

Opi 1 sucht den Lautstärkeregler am Gehäuse. Ich denke „unten rechts klicken, unten rechts klicken“, halte mich aber zurück, um den natürlichen Lauf der Dinge nicht aus Versehen vorzeitig zu stoppen.

Opi 1 (noch immer suchend): Ich schaue das nicht wegen dem Klamauk.

Ok, doch kein Kriegsfilm.

Opi 2: Das ist mir egal, was du schaust. Hauptsache ich krieg es nicht mit.

Omma (entrüstet): Im Zug!

Opi 1 hat den Ton irgendwie ausbekommen.

Opi 1: Nicht wegen dem Klamauk. Ich will die Sprache lernen. Französisch. Meine Tochter …

Opi 2: Muddi, ham wir noch ein Butterbrot?

Omma: Ich hab doch gesagt, du kriegst Hunger. Siehste?

Opi 1 merkt, dass er ignoriert wird und macht sich daran, sein Gepäck zu durchstöbern. Ich schließe die Augen und höre Musik (mit Kopfhörern!). Drei Lieder später: Ich schaue mal nach, was sich tut. Opi 1 steht neben mir im Gang, hat mittlerweile alle seine Hemden ausgepackt und sie auf einem freien Platz gestapelt. Er sieht in einigen Plastiktüten nach dem Rechten und seinen Kopfhörern. Für etwa 10 Minuten. Schließlich findet er sie. Derartige Kopfhörer tragen nur Hip-Hop-DJs und Leute, die sie noch aus den 70ern übrig haben. Die Hemden werden wieder eingepackt, weitere 5 Minuten lang. Endlich setzt er sich wieder hin. Nach bemühtem Suchen findet Opi 1 die Einstöpselbuchse und will seinen Film weiter schauen. Prompt ertönt die Durchsage: Wir erreichen jetzt Bamberg. Er stöpselt aus, packt den Laptop ein und steigt mit mir aus.

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4 Gedanken zu “Merkwürdige Dialoge (11): Kopfhörer”

  1. Absolut göttlich diese Geschichte … Menschen im Zug zu beobachten ist wirklich öfter als gedacht eine Art der Kunst. Und dann auch noch solch liebliche Art von Silberfischis. – Da geht mir das Herz auf!

  2. Wie nennt man so einen Kommentar, der vordergründig abgegeben wird, damit man auf den T-Shirt-Druck-Link klickt, der aber immerhin ansatzweise auf den Beitrag eingeht? Semi-Spam? Es ginge ja schlimmer:

    „Als ich neulich Zug gefahren bin, saß ein Typ mit nem echt abgefahrenen Spruch auf seinem Shirt neben mir. Damn, war der Spruch geil. Kann man sich übrigens ganz einfach und billitsch selbst machen, und zwar auf …“

Meine wichtige Meinung hierzu:

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