Der Zug ist wohl abgefahren

Was war das gestern für ein kurioser Tag. Passte zu meiner Mini NRW Tour irgendwie. Der krönende Abschluss trug sich so zu:

Würzburg, Bahngleis 8, ich habe gerade einen Hürdenlauf durch 5 ICE-Waggons hinter mir, da ich mich im Bistro verquatscht und den Fahrplan falsch gelesen hatte (das Eine führte zum Anderen).

Der frisch gewaschene RE Richtung Bamberg blitzblankt vor sich hin, die Anzeigetafel verkündet, es würde auf Anschlussreisende gewartet. Keine Anschlussreisenden in Sicht. Daher mein Plan: Ich stelle mein Gepäck schonmal rein, rauche auf Sprungdistanz zur Tür ein schnelles Zigarettchen und behalte den Aufgang im Auge, um zeitgleich mit den zu erwartenden Anschlussreisenden endgültig einzusteigen.

Das Bahngleis bleibt unfrequentiert, im Zug selbst kann ich kaum mehr als 3 Menschlein erkennen, ein laues Lüftlein weht mir das Frühlingsjäckchen näckisch um die Hüfte und ich verliere mich etwas in Gedanken. Wenn ich ernsthaft nachdenke, beginne ich automatisch in einem kleinen Kreis zu tapern. Jedesmal, wenn der Zug wieder in mein Blickfeld gerät, erschrecke ich kurz, weil ich mir einbilde, er bewege sich. Quatsch, kann er ja nicht, solange die Nachzügler (Nach-Zügler!) noch nachzügeln. Wird ja wohl eine Durchsage kommen, wenn er wahrhaftig mal losfahren sollte. Wir sind schon über 10 Minuten über der Zeit. Da fährt er los.

Ich begreife erst nicht, was geschieht, quieke dann nur „Nein“. Plötzlich taucht neben mir eine Orange in Form eines alten Mannes auf (oder umgekehrt?) und sagt „Tja, jetzt isser wech.“ Ich kleinlaute: „Nein“, und errechne in Millisekunden den Wert meines abgefahrenen Gepäcks – was kostet noch gleich so ein Laptop bei DELL?

Aus der doch recht behäbigen ersten entwickelt sich eine dynamische zweite Reaktion: ich sprinte los, wie kurz zuvor im ICE, hole nach 20 Sekunden den Zug ein, springe auf, surfe kurz auf dem Dach, schlage die Scheibe ein und schwinge mich hinein erreiche die Würzburger Bahnhofshalle und den Service Point, unterbreche die laufende Beratung, weil ich wichtiger bin, werde zurechtgewiesen, warte kurz, bis das Ehepaar aus dem Sauerland den Weg zur Residenz erklärt bekommen hat und schildere dann meine dramatische Geschichte in allen Einzelheiten. „Passiert öfter“, sagt die Servicedame und ruft irgendwen an. Ich muss warten, bis sie von irgendeinem anderen zurückgerufen wird, dann teilt sie mit „Den Kram könnense beim Service ich Bamberg abholen. Tschüss.“

Anderthalb Stunden später stelle ich fest, dass der Service Point Bamberg nun ein Blumengeschäft ist, sich also irgendwo anders befinden muss als in den letzten fünf Jahren. Ich frage einen Bahnbediensteten, der mir erklärt, dass nicht jeder, der was Blaues anhat, zur Bahn gehört. Ich frage einen anderen und bekomme dir erhoffte Information, die aus den schlichten Worten „Umdrehen und Augen aufmachen“ besteht. Mache ich. Der Service Point ist erstens ins Hausmeisterkabuff neben dem Greifarmautomaten auf Gleis 1 gezogen und zweitens unbesetzt. Ich warte 10 Minuten, bis sich ein gemütlicher Mann mit lustiger roter Service-Mütze heran behäbt. „Haben Sie mein Gepäck?“ frage ich. „Möchlich“, sagt er. Nach einigen weiteren Späßen seinerseits, zu denen ich nicht unbedingt aufgelegt bin, öffnet er sein Kämmerlein. Hi hüpf, mache ich und freue mich so sehr über den Anblick meiner drei unversehrten Gepäckstücke, dass ich ihm sofort die Uniform vom Leib reißen eines meiner Bücher als Dankeschön schenken will. Er lehnt unüberlegt ab.

Schlusssätze waren noch nie so mein Ding. Merkt man an meinen Geschichten. Wie es überhaupt dazu kam, dass in einem Düsseldorfer Hostel ein Siegespokal als Dekoobjekt an der Rezeption steht und warum ich schon jetzt einen Highlander-Startplatz für 2010 habe, das erfahrt ihr schon bald, sooo bald, sobald der rote Feuerball ging einmal nieder, einmal auf, dann steht’s hier drauf, so kommet wieder. Könnte auch länger dauern, der Schweifreim war aber so schön.

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5 Gedanken zu “Der Zug ist wohl abgefahren”

  1. … und das alles wegen der verdammten Sucht !!!
    Ich habe dir schon immer geraten, das Rauchen sein zu lassen.

    Grüße aus Königshofen

Meine wichtige Meinung hierzu:

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