Dude, where’s your suit?

Kurz vorm Eintritt kam ich ins Grübeln. Ich stand, gestern Abend, in Nürnberg vor der Marydines Cocktailbar, in der wichtige Wirtschaftsleute, Geschäftsfreunde und Kunden der Nürnberger SOPHIST Group, in absehbarer Zeit einen Auftritt von mir erwarteten. Wie es dazu kommen konnte, ist schnell erklärt.

Der Gedanke erfasste mich, obgleich ich ja schon seit Monaten von dem Auftritt wusste, erst in diesem letztmöglichen Moment: Moooment, die werden sich ja sicherlich alle todschick gemacht haben, also nicht schick im Sinne von „ich ziehe jetzt mal nen dunklen Anzug respektive dezent farbenfrohes Kostüm an, weil ich auf ne Hochzeit gehe“ sondern schick im Sinne von „ich ziehe jetzt mal nen dunklen Anzug respektive dezent farbenfrohes Kostüm an, weil ich ich das im Job eh immer trage und das heute ein Geschäftstermin ist“. Et moi? Jeans, Turnschuhe, T-Shirt, Trainingsjacke im Schottenmuster – wie ich halt immer rumlaufe. Anscheinend blitzte der unfertige Gedanke schon beim Packen kurz auf, denn in letzter Sekunde hatte ich zwei Stunden zuvor statt zu potentiell zu verkaufenden Büchern zu einem Jackett gegriffen – einem recht knitteraffinen allerdings, das seitdem im Rucksack verstaut war, zwischen Büchern, Textmappen, der Titanic und Apfelsaft. Ich hielt also kurz inne und stellte mir vor, wie es im schlimmsten Fall kommen könnte:

Ich betrete die Bar, ein Kreis geschäftsmäßig-schick-adrett gekleideter Menschen mit Sektgläschen mit exotischen Früchten auf den Rand gestülpt in der Hand smalltalkt vor sich hin, dreht sich beim Quietschen der Tür routiniert für eine halbe Sekunde um, um zu sehen, welcher Anzug als nächstes dazustößt. Als sie mich erblicken, denken alle unisono erstens „verlaufen“ und zweitens „wo ist noch gleich die Security?“, irgendein Pinguin tritt auf mich zu und fragt in nicht gerade wirklich interessiertem Ton „Sie wünschen?“.

Reden wir nicht lang drum rum: Genau so kam es. Gut, bis auf den Pinguin, der kam nicht. Aber die exotischen Früchte auf den Sektgläsern, die gab es, und die wichtigen Menschen natürlich. Die Phase der Irritation auf beiden Seiten dauerte aber nicht viel länger als 10 bis 20 Sekunden und schon wurde ich sehr freundlich von der Dame begrüßt, mit der ich vorher fleißig gemailt hatte. Alles halb so schlimm – selbst die Knitterfalten im H&M-Jackett, das ich mir aus Gründen der Assimilation flott auf der Toilette überwarf. Immer noch nicht ganz das vorgegebene Level erreicht, aber, hey, wer ist hier der Künstler? Der darf rumlaufen, wie er will, Hauptsache er rockt das Haus. So zumindest hab ich mir die Sache schön geredet – und vernünftigerweise hat sicherlich jeder der Anwesenden im Stillen meine Ansicht adaptiert.

Nach dem Run auf das für solche Anlässe obligate „Schneewittchen-Buffet“ (Tellerchen, Gäbelchen, Messerchen, Portiönchen – Wortneuschöpfung von mir) kam dann auch schon mein Auftritt. Um mir selbst eine Freude zu machen, habe ich zu 80 Prozent ein Text-Set übernommen, das ich auch schon auf der Main Stage eines alternativen Musikfestivals gelesen habe. Die Freude bestand darin, dies hier kund zu tun. Natürlich habe ich keine Begeisterungsstürme erwartet, eher hin und wieder ein gefälliges Lachen, das sich möglicherweise dadurch potenziert, dass die sich unterhalten gefühlte Person eine führende Position inne hat. Weit gefehlt. Zwischenzeitlich hätten mich die Applausstürme fast von der imaginären Bühne geweht. Die feinen Herrschaften waren durchaus gewillt, sich unterhalten zu lassen. Selbst den anwesend gewesenen Herren von der Deutschen Post unterstelle ich das mal, obwohl die an diesem Tag ja eigentlich weniger zu lachen hatten.  So hatte ich schon vom ersten Text an großen, GROSSEN Spaß an dem Auftritt, der sich fast eine Stunde hinzog, inklusive der geforderten Zugabe. Den stürmischsten Beifall gab es lustigerweise allerdings, als ich einen Texthänger hatte. Wie so oft in letzter Zeit. Man sollte es zur Masche machen.

Nach dem Auftritt wechselte ich frohgemut von alkoholfreiem zu richtigem Bier, verteilte Kärtchen, steckte Kärtchen ein, smalltalkte und informierte mich auch mal genauer darüber, was diese Firma eigentlich konkret tut, die mich da sponsert. Wie ich aber jetzt „Requirements Engineering“ sinnvoll in diesen Text einbinden soll … machen wir einfach hier Schluss.

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4 Gedanken zu “Dude, where’s your suit?”

  1. Als einer der anwesenden Anzugträger, möchte ich betonen, dass ich meine Jeans und ein T-Shirt im Gepäck hatte… Na ja, ein wenig Hoffnung nicht in der Berufsverkleidung den Abend zu verbringen wird ja erlaubt sein…
    Dein Auftritt war großartig und hat Lust auf mehr gemacht. Danke dafür!
    Den Applaus beim deinem Hänger gab es nach meinem Empfinden nicht, weil du ihn hattest, sondern weil es für keinen der Anwesenden realistisch erschien so einen Text überhaupt auswendig vorzutragen.
    Persönlich finde ich, du hättest das Jackett zu Hause lassen sollen und lieber einige Deiner Bücher mit gebracht, ich hätte wohl eins genommen.

Meine wichtige Meinung hierzu:

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