Reisetagebuch: Darmstadt, Dichterschlacht (2)

19.40, Darmstadt: Treffe Andy Strauß. Er erzählt, dass er vorangegangene Nacht seine Katze verschenkt hat und ruft bei den neuen Besitzern an, um nochmal über die Sache zu reden. Minuten später erreichen wir die impressing Centralstation. Der früh anwesend gewesene Julius Fischer heißt uns willkommen, Karsten Hohage kommt angeschlendert. Somit wäre das halbe Teilnehmerfeld komplett. Wir gehen rein, stoßen auf Frank Klötgen, Sarah Hakenberg und ein U20-Mädel namens Iris. Der mysteriöse achte Slammer („auf gut Glück aus Berlin angereist“) geht auf Distanz, bleibt bis zu seinem Auftritt unbekannt, danach ebenso.

21.00: Die Dichterschlacht wird mit einem Text von Tilman Döring eröffnet, der wie gewohnt auch abseits der Bühne recht mitteilungsbedürftig ist. Dann Wettbewerb: Runde 1 besteht aus Iris, mir, Andy Strauß und Grohacke.
Iris ist sehr unterhaltend und kommt sich schon mit 15 alt vor. Somit ist klar: ich kann die „Pimps der 1a“ nicht bringen, da recht themenkonvergent. Ziehe aus der Hinterhand „Diktatur des Quaders“ und leiste somit meinen Beitrag zur aktuellen Fernsehqualitätsdebatte. Die etwa 500-600 Leute (gefühlte 1000) scheinen es zu mögen, ebenso mögen sie Andy Strauß. Karsten textet etwas zu gewagt und kommt eher durchschnittlich an. Abstimmung: Ich setze mich deutlich vom Hauptfeld ab, erhalte 236 Stimmen vor Platz 2 mit Andy Strauß und 163 Stimmen. Finaleinzug. In der Pause werden 12 meiner 14 verbliebenen Bücher verkauft. Mist! Hätte 30 mitnehmen sollen.

22.00: 2. Runde. Frank Klötgen und Julius Fischer schmeißen Sarah Hakenberg und den unbekannten Berliner mit der vorbildlichen Betonung raus. In den Pausen singt ein Max-Raabe-Imitator, der seine Sache ganz gut macht. Aber irgendwann muss man ja mal aufs Klo gehen.

22.50: Finale. Habe noch immer die meisten Stimmen des Abends, die Reihenfolge orientiert sich aber an den Vorrunden. Heißt: ich eröffne. Jetzt aber: lasse die Pimps raus. Julius merkt danach an, dass der Text stellen- und vergleichsweise langsam war. Höre ich auch nicht oft. Erklärung ist schnell gefunden: Wenn man sich schon 5 Freibier reingepfiffen hat, achtet man eben darauf, sich einigermaßen deutlich zu artikulieren. Darunter leidet die Textdynamik. War aber nicht schlimm. Wurde ohnehin nach jedem zweiten Satz durch Begeisterungsstürme unterbrochen. Der größte Jubel brandete unerwarteterweise und zum ersten Mal überhaupt bei der einfachen Erwähnung des Namens „Willy Tanner“ auf, noch weit vor der eigentlichen Pointe des Abschnitts. Darmstadt is totally crazy! Bekomme zum zweiten Mal ein Bier auf die Bühne gebracht, weil ich das Zeitlimit ausreize und überschreite. Ich liebe die Gefahr!

23.15: Abstimmung. Wir Finalisten bekommen je eine Holzstange in die Handgedrückt, die Zuschauer stülpen Gummiringe über die Latte ihres Favoriten. Ein fast erotischer Akt. Sitze neben Julius und schnell wird klar: wir machen das Ding unter uns aus. Zunächst gehe ich in Führung. Zwei Unentschlossene merken an, dass sie uns beide sofort heiraten würden, geben aber mir den Ring. Ätsch. Julius macht in der Zeit unbemerkt Boden gut. Seine perfide Taktik: Jedes „Danke“ in anderem Tonfall. Ich stelle die Höflichkeit hingegen mit der Zeit ein. Hundertmal „Danke“ ist genug. Kann zwischenzeitlich nachempfinden, wie sich ein Improtheaterspieler fühlen muss, der mit seinem aufgesetzten Dauergrinsen und seinem dreckigen Hut nach der Vorstellung um Kleingeld bettelt und jede Spende mit einen „flotten Spruch“ quittiert. Ekelhaft. Die Abstimmung nimmt nun dramatische Züge an. Der Ostdeutsche Fischer enteilt, erhält Ring um Ring, auch mal fünf auf einmal. Mein Finish dagegen schleppend. Überraschenderweise reißt der Abstimmungsstrom nach 10 Minuten ab, alle Ringe vergeben. Fischer gewinnt, Ritter Zweiter, Strauß 3, Klötgen 4. Je eine Pulle Sekt oder Ähnliches. Julius gibt Zugabe, aus die Maus.

4.24: Ich erwache zwischen Slammern und anderen Menschen auf dem Sofa einer mir unbekannten Wohnung und bekomme einen Teller Nudeln in die Hand gedrückt. Esse ihn. Erinnere mich, dass wir zur „After-Show-Party“ hierhertingelten. Waren schon vor dem Slam eingeladen worden. Ich suche das Badezimmer auf und bin nur minimal überrascht, dass Andy Strauß gerade ein Schaumbad nimmt. Was sollte er auch sonst tun? Ich lehne die Einladung ab, mit einzusteigen, packe die ebenso müden Klötgen und Fischer ein und ab geht’s nach Hause ins Hotel „Hotel“.

15.28: Bamberg, Bahnhof. Fahre ein. Meine Tasche ist angenehm leicht. Das war eine schöne Reise!

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3 Gedanken zu “Reisetagebuch: Darmstadt, Dichterschlacht (2)”

  1. Jaja, Darmstadt ist immer eine Reise wert. Und man sollte immer drei Mal so viel Merchandise mitschleppen, als man denkt loszukriegen…

  2. Immer nun ja nicht unbedingt. Es verhält sich doch eher so: nimmste wenig mit, hättste viel mehr verkaufen können, nimmste viel mit, kannste meistens alles wieder mit nach Hause schleppen. Da wird Bescheidenheit genauso bestraft wie Übermut. So ist das Leben.

Meine wichtige Meinung hierzu:

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