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Nach dem gestrigen Regensburger Slam (der rasende Reporter Lange berichtet) wurde ich von den Münchnern allein in der Mälze zurückgelassen. Björn Dunne (Dann!) und seine Freundin auch, ja, aber die sind gleich ins Bett. Ich nahm mir vor, den Laden noch etwa aufzumischen und stellte in diesem Zusammenhang mal wieder erschüttert fest, welch Bild unserer Gesellschaft Abend für Abend allüberall gezeichnet wird – und wie sie demnach aussehen muss:

In der Mälze gibt es einen schönen großen Saal, in dem auch geslammt wurde, eine Kneipe und unten einen Partykeller. Überall war noch was los, es wurde gefeiert. Und was? Die selbstverordnete Klassengesellschaft!

Wie hasse ich diese Klischees aus den US-Teenie-Highschool-Movies: Hier die Sportler, da die Nerds, hier die Schlampen, die beim ersten Date küssen, da die Anhänger von Fred Phelps. Kurzum: man separiert sich. Die anderen sind doof, unser Grüppchen ist das hippste, durchgeknallteste, vernünftigste, etc. Und wie wars gestern so?

Unten im Partykeller traf sich die Living-la-vida-loca-Fraktion, von denen aber auch mal wirklich niemand gut aussah (so viel herausgewachsenes Blond auf einem Haufen hab ich selten gesehen), betrank sich und freute sich, dass sie wenigstens einander haben, um sich fortzupflanzen, hörte die Charts von 2005 hoch und runter und versuchte sich daran, zu tanzen. Mäßiger Erfolg.

Ein Stock höher: Die Slam-Location hatte sich in Klein-Jamaika verwandelt. Junge Typen mit dicken Haaren, die T-Shirts trugen, in denen ihre ganze Familie Platz hätte. Mädchen mit ökologisch bewussten Outfits, die gewollt nachlässig wirkten und hie und da den Blick auf aufreizende Körperstellen frei gaben. Kein Kopf ohne Strick- und Batikwaren. Alle bereit, vom Fleck weg ins nächste H&M-Schaufenster gestellt zu werden. Wie man das in diesen Kreisen wohl so macht, standen sie alle brav in mehreren Reihen vor dem DJ-Pult, wirkten etwas müde und ließen ihren linken Arm auf- und absinken. Hinter dem DJ-Pult drei wichtige Leute, von denen einer die Platten auflegt, der andere das Feuerzeug hält, damit der, der die Platten auflegt, sieht, welche Platten er auflegt, obwohl sich eh alles gleich anhört, und ein Urenkel von Bob Marley, der das Ganze irgendwie kommentiert, in einer Sprache, die entfernt an Englisch erinnert. Ich habe eine zeitlang zugehört, er hat eigentlich nix anderes als immer wieder „Ja ba da ba du“ gesagt, und manchmal „dem“. So was wie ein liberaler Barney Geröllheimer also, mit ungepflegtem Bart und Strickmütze über den Augen und tieferer Stimme, der wahrscheinlich selbst nicht weiß, was er da von sich gibt aber findet, dass es sich doch immerhin tight anhört und vielleicht auch eine Message hat, die dann natürlich „Drogen!“ lautet, oder „Fuck da government“. Das sind mal Ideale!

Nach etwas Mitgehoppe habe ich dann auch Leute getroffen, die sich meiner Splitterfraktion zugehörig fühlten. Unser Motto lautet „wir finden erst mal von Grund auf alles scheiße“ und halten uns bei Partys eher so am Rand auf, um über alles Vorstellbare daherzuparlieren, nur nicht über das, was grade in dem Raum passiert, in dem wir uns befinden. Gerne suchen wir auch nach Ausweichmöglichkeiten, Ruhe, Geborgenheit – und Freibier. Den Schlüssel vom Backstageraum hatte ich ja noch…

Zum Schluss war dann also alles gut und vielleicht hatten die komischen Leute im ganzen Gebäude ja auch irgendwie ihren Spaß – auf ihre eigene, eigentümliche Weise.

Epilog / Metaebene: Sollte man dafür eintreten, dass die verschiedenen Subkulturen unserer Gesellschaft in den Dialog miteinander treten? Ich glaube, es hätte wenig Sinn.
Und so verschaffte mir ein Regensburger Abend die Gewissheit, dass Völkerverständigung und die Vermittlung zwischen Religionen und Kulturen echt harte Nüsse sind, die sich nicht immer knacken lässen. Man siehts doch in jeder Dorfdisko.

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