Gespeichert unter: Buch
Ich hatte da eben so ne Idee:
Gespeichert unter: Nicht kategorisiert
Ich habe ja durchaus öfter danach gesucht. Eben, als ich es gefunden habe, musste ich feststellen, dass es auf der deutschen arte.tv-Seite nicht vorhanden ist – oder ich zu doof zum Suchen bin. Jedenfalls, das Video des Parisauftritts von SLAM TRIBU featuring mich steht schon seit ein paar Tagen online – im französischen Arte Live Web (klick). C’est la curieux amitié franco-allemande.
Da kann man die Kollegen Didier, Sebastian, Mirko und Laurent anschauen und seine Französischkenntnisse überprüfen, oder man switscht gleich zu Minute 35.30 und 53.00, da bin ich dran. Die Texte habe ich eigens angefertigt, feinste Auftragsarbeit. Der erste heißt „Darum“ – ein Dialog über Liebe und einen Parisaufenthalt, der zweite, wie eben schon erwähnt, „La curieux amitié franco-allemande“ – Betrachtungen über das Erlernen der französischen Sprache, den Schüleraustausch, Frösche etc. Die Reaktionslosigkeit des Publikums ist ganz einfach mit der Sprachbarriere zu erklären … würde ich mal sagen. Daher habe ich während des zweiten Textes auch zuweilen die Lust verloren und heikle Stellen spontan ausgelassen – mich außerdem einmal verlesen, wie ich eben bemerkt habe, was zu einer kleinen Unlogik in der Einleitung führt. Wer die Stelle benennen kann, bekommt ein Eis (Zitrone).
Gespeichert unter: Everyday Weird, Medialala, Photographie, Poetry Slam, Reisetagebuch
Ich war ja in Paris gewesen … tun. In etwa so müssen sich meine Konversationsstümmel wohl für die Franzosen angehört haben. Irgendwie konnte ich mich dennoch immer verständlich machen, habe sogar alle Anlaufpunkte gefunden und slammen durfte ich ja auf deutsch.

DIE Pariser Touristenattraktion. Dahinter der Eiffelturm.
In zwei Tagen hatte ich drei Auftritte. Wegen dem ersten hatte mich arte bzw. Slam Tribu bzw. der Trierer Slam eingeladen (ja, is kompliziert), allerdings habe ich mich während der Show etwas unverstanden gefühlt. Woran’s wohl lag?
Tags darauf wollte ich mal den Eiffelturm sehen, wurde von einer Schulklasse aus NRW als Deutscher enttarnt („Tschuldigung, bist du deutsch?“ – „Ja.“ – „Das sieht man voll.“) und kaum zwei Minuten später hatte ich wieder die Slamtexte in der Hand. Spectacle gratuit. Danach gab’s nochmal das Gleiche für Thüringer.

"Maman, qu'est-ce que l'homme là fait?" - "Il a besoin d'argent."
Bilder auch von anderen Menschen, Bauwerken und Backstagebereichen (samt Text!!) nach Weiterklick.
Einen kompletten Text habe ich bislang noch nie hier veröffentlicht. Da ich zu diesem speziellen (zuvor exklusiv im Buch erhältlichen) Text aber reichlich Topfeedback bekommen habe und er sich zudem um das Internet dreht, gibt es ihn für Freunde der szenischen Kurzgeschichte, die etwa 15 Minuten Zeit haben, jetzt hier für lau.
Der Tag als Bill den Stecker zog
Es wird geschehen. Irgendwann, in ein paar Jahrzehnten, werden die Leutchen rund um den Globus in kleinen Grüppchen zusammensitzen und es wird immer der Älteste sein, der, der tatsächlich dabei war, der die folgende Geschichte erzählt:
Es war kein guter Tag für Bill. Am Morgen las er die erste Statistik, die die Dominanz des Betriebssystems Linux gegenüber Windows bestätigte. Das hatte er nicht vorausgesehen, obwohl er doch sonst nebenberuflich Visionär ist. 2005 prophezeite er den Untergang der Printmedien und behielt, wie wir wissen, recht. Knapp zehn Jahre später wurde die letzte Zeitung verlegt. Es gab nur noch Internet, so, wie er es wollte, so wie es ihm recht war, das Internet schlägt alles, so hatte er es schon immer daher gebetet. Er, Dr. h.c. William Henry Gates der Dritte, Knight Commander des Britischen Empires, von der Welt liebevoll Bill genannt.
Wie gesagt, da war also diese Linuxsache, die ihn ziemlich aus der Bahn warf. Sowieso, seit der Zerschlagung des Konzerns wegen illegaler Monopolisierung lief es ja nicht mehr ganz so rosig, aber er hatte sich immer gedacht: so lange noch mehr als die halbe Welt jeden Tag mein Windows auf dem Schirm hat, solange bin ich zufrieden. Das hatte sich ja nun geändert.
Wie Bill es in diesen Situationen, in denen er nicht weiter weiß, immer machte, ging er an den Lake Washington, direkt vor seiner Haustür, und sah auf das sich kräuselnde Wasser, das mit der Mittagssonne spielte – was Microsoft Virtual Earth 3D Life Live so realistisch auf seinem 120-Zoll-Plasmabildschirm darstellte, als wäre er tatsächlich die paar Hundert Meter zum See gelaufen. Er saß also in seinem Vibrationssessel und blickte auf die kleinen Wellen, die der Wind machte, und dachte nach – und rief er sich einen Satz in Erinnerung, den er einmal gesagt hatte:
„Das Internet ist wie eine Welle: Entweder man lernt, darin zu schwimmen, oder man geht unter.“
Und er dachte weiter, drehte die Worte, sah auf den See, und plötzlich – er hatte es gar nicht mitbekommen – musste der Wind nachgelassen und das Gewässer sich beruhigt haben. Der Lake Washington war glatt, eine Fläche, wie ein Turnhallenboden, ein deutscher Turnhallenboden. Und Bill dachte weiter, nahm seine Brille ab und kratzte sich am Haaransatz, weiter hinten als früher. Keine Wellen mehr, dachte er, keine Wellen – und da war ihm klar, was er zu tun hatte. Er sagte seinem Haus, dass es ihm den Aufzug schicken sollte, das Haus machte pling und der Aufzug kam. Er fuhr hinunter, einen Stock tiefer noch als er für gewöhnlich fuhr. Er war erst zum zweiten Mal hier unten, ganz unten, er hatte nicht vorgehabt, es einmal so weit kommen zu lassen. Aber die Menschen waren doch selbst schuld, vor allem Linus Torvalds, der böse Linux-Boss, das Böse schlechthin.
Bill drückte seine Hand auf einen Touchscreen, der Windows-Start-Jingle erklang und die schwere Eisentür schob sich beiseite. Er betrat den Raum, der eigentlich nichts Spektakuläres an sich hatte, Raufaser, weiß gestrichen, angegilbt. Doch es ist ja meistens so, dass die wirklich großen Sachen keinen großen Auftritt brauchen.
Es lagen zwei dicke Kabel auf dem Boden, in der Mitte des Raums war das eine in das andere gesteckt. Ein gelber Post-It-Zettel war an dem eingesteckten Kabel befestigt, „Internet“ stand darauf. Davor ein loses Blatt Papier, auf das er sich selbst, beim ersten Mal, mit Rotstift geschrieben hatte: Think twice!
„Keine Wellen mehr“ dachte Bill, „lassen wir sie untergehen“, und zog den Stecker.
Es war 7.25 Uhr in Medina, Washington.

