Man könnte sich dran gewöhnen. Der Beweis, dass ich im vorhergehenden Eintrag nicht gelogen habe, wurde gestern nachgereicht. Da erwachte ich nämlich aus wilden Träumen und hatte eine Nachricht aus Nürnberg auf dem Handy: der Auftritt kam so gut an, dass die Frage aufkam, ob ich denn gleich nochmal ran wolle. Gefragt, getan. Ich schwang mich ins Automobil, knatterte in Rekordgeschwindigkeit nach Nürnberg, stand dort dann eine halbe Stunde im Stau und schon war ich da: Im Fünfsternehotel, in dem die Requirement Days stattfinden. Ab in den größten Konferenzraum, den Nürnberg (oder zumindest das nh Hotel) zu bieten hat, flott verkabelt worden, Kopfmikro, die Konferenzteilnehmer nach dem Abendessen reingetrommelt und ab gings. Neue Texte, dynamische 25 Minuten und wieder Zugabe – angereichert mit der Besteigung eines Schreibtisches und Flugeinlagen meinerseits.
Wenn man auf einer Skala von 1 bis 15, wo jedes im Anschluss zu verkaufende Buchexemplar einem Punkt entspricht, den Erfolg bewerten wollte, so lag er bei 16. Mein Vorleseexemplar musste ich nämlich auch noch mit drauf legen. Heißer Scheiß.
Als im Anschluss die Geschäftspartner und der Künstler mit Cocktail, Wein und Weizenbier in der Bar saßen und plauderten, da blitzte ganz kurz die Vorstellung in mir auf, irgendsowas wie Europäische Wirtschaft zu studieren. Aber wirklich nur gaaaaaanz kurz.
Kurz vorm Eintritt kam ich ins Grübeln. Ich stand, gestern Abend, in Nürnberg vor der Marydines Cocktailbar, in der wichtige Wirtschaftsleute, Geschäftsfreunde und Kunden der Nürnberger SOPHIST Group, in absehbarer Zeit einen Auftritt von mir erwarteten. Wie es dazu kommen konnte, ist schnell erklärt.
Der Gedanke erfasste mich, obgleich ich ja schon seit Monaten von dem Auftritt wusste, erst in diesem letztmöglichen Moment: Moooment, die werden sich ja sicherlich alle todschick gemacht haben, also nicht schick im Sinne von „ich ziehe jetzt mal nen dunklen Anzug respektive dezent farbenfrohes Kostüm an, weil ich auf ne Hochzeit gehe“ sondern schick im Sinne von „ich ziehe jetzt mal nen dunklen Anzug respektive dezent farbenfrohes Kostüm an, weil ich ich das im Job eh immer trage und das heute ein Geschäftstermin ist“. Et moi? Jeans, Turnschuhe, T-Shirt, Trainingsjacke im Schottenmuster – wie ich halt immer rumlaufe. Anscheinend blitzte der unfertige Gedanke schon beim Packen kurz auf, denn in letzter Sekunde hatte ich zwei Stunden zuvor statt zu potentiell zu verkaufenden Büchern zu einem Jackett gegriffen – einem recht knitteraffinen allerdings, das seitdem im Rucksack verstaut war, zwischen Büchern, Textmappen, der Titanic und Apfelsaft. Ich hielt also kurz inne und stellte mir vor, wie es im schlimmsten Fall kommen könnte:
Ich betrete die Bar, ein Kreis geschäftsmäßig-schick-adrett gekleideter Menschen mit Sektgläschen mit exotischen Früchten auf den Rand gestülpt in der Hand smalltalkt vor sich hin, dreht sich beim Quietschen der Tür routiniert für eine halbe Sekunde um, um zu sehen, welcher Anzug als nächstes dazustößt. Als sie mich erblicken, denken alle unisono erstens „verlaufen“ und zweitens „wo ist noch gleich die Security?“, irgendein Pinguin tritt auf mich zu und fragt in nicht gerade wirklich interessiertem Ton „Sie wünschen?“. (mehr…)
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19.40, Darmstadt: Treffe Andy Strauß. Er erzählt, dass er vorangegangene Nacht seine Katze verschenkt hat und ruft bei den neuen Besitzern an, um nochmal über die Sache zu reden. Minuten später erreichen wir die impressing Centralstation. Der früh anwesend gewesene Julius Fischer heißt uns willkommen, Karsten Hohage kommt angeschlendert. Somit wäre das halbe Teilnehmerfeld komplett. Wir gehen rein, stoßen auf Frank Klötgen, Sarah Hakenberg und ein U20-Mädel namens Iris. Der mysteriöse achte Slammer („auf gut Glück aus Berlin angereist“) geht auf Distanz, bleibt bis zu seinem Auftritt unbekannt, danach ebenso.
21.00: Die Dichterschlacht wird mit einem Text von Tilman Döring eröffnet, der wie gewohnt auch abseits der Bühne recht mitteilungsbedürftig ist. Dann Wettbewerb: Runde 1 besteht aus Iris, mir, Andy Strauß und Grohacke.
Iris ist sehr unterhaltend und kommt sich schon mit 15 alt vor. Somit ist klar: ich kann die „Pimps der 1a“ nicht bringen, da recht themenkonvergent. Ziehe aus der Hinterhand „Diktatur des Quaders“ und leiste somit meinen Beitrag zur aktuellen Fernsehqualitätsdebatte. Die etwa 500-600 Leute (gefühlte 1000) scheinen es zu mögen, ebenso mögen sie Andy Strauß. Karsten textet etwas zu gewagt und kommt eher durchschnittlich an. Abstimmung: Ich setze mich deutlich vom Hauptfeld ab, erhalte 236 Stimmen vor Platz 2 mit Andy Strauß und 163 Stimmen. Finaleinzug. In der Pause werden 12 meiner 14 verbliebenen Bücher verkauft. Mist! Hätte 30 mitnehmen sollen.
22.00: 2. Runde. Frank Klötgen und Julius Fischer schmeißen Sarah Hakenberg und den unbekannten Berliner mit der vorbildlichen Betonung raus. In den Pausen singt ein Max-Raabe-Imitator, der seine Sache ganz gut macht. Aber irgendwann muss man ja mal aufs Klo gehen. (mehr…)
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Da es ja momentan eher selten vorkommt, dass ich große Auftritte absolviere, zudem die Teilnahme an der Darmstädter Dichterschlacht schon was ganz Besonderes ist, ist dieses Erlebnis es mir wert, ausführlich dokumentiert zu werden. Und zwar so:
14.00, Bamberg, meine WG: Frisch aus der Dusche gehüpft, checke ich die Bahnverbindungen und lege mich auf die Abfahrt um 14.38 fest. In Erinnerung an den gut kurbelnden Buchabsatz bei der Aschaffenburger Dichterschlacht packe ich 15 Bücher, den Laptop, meine Zahnbürste und angemessene Kleidung ein. Der Plan: um 17.30 In Darmstadt ankommen und mich im Hotel nochmal hinlegen, dann gut gelaunt und voll Power zur Dichterschlacht. Die Tasche wiegt geschätzte 30 Kilo. Hier würde auch gut die von mir gern gewählte Wetterkartenfloskel „gefühlte 30 Kilo“ passen. Nehme mir vor, die Tasche im Hotel zu wiegen. Im Briefkasten finde ich den nachgesandten SPIEGEL. Nach Beschwerde meinerseits beim Abo-Service wurde mir am Dienstag versprochen „Ich schick ihn gleich raus!“ Danke.
14.37, Bamberg, Bahnhof: nach kurzem Spontanplausch am Fahrkartenautomat mit der Hälfte der von mir gemanageten Band betrete ich den Zug. Fahrt eher ereignislos.
15.51, Würzburg, Bahnhof: Planmäßige Ankunft. Der Anschluss-ICE fährt vom Gleis gegenüber, allerdings mit 40-minütiger Verspätung. Ich warte vor dem Bahnhofsgebäude. Ein mir bekannt erscheinender Mann kommt auf mich zu und fragt „Christian Ritter?“ Ich bestätige. Wir kennen uns vom Bamberger Slam, er kauft spontan ein Buch, ich signiere, der Bestand schrumpft somit auf 14, das Gepäck wird um 100 Gramm leichter.
16.02: Ich investiere den unverhofften Geldsegen in eine kleine Portion Thainudeln mit Scampi beim Bahnhofs-Gosch. Anschließend schließe ich ein Probe-Abo der ZEIT ab, um eine sofort gratis zu bekommen. Mit Kuli. ZEIT zum Zeitvertreib, wie passend. Das Gepäck wird um 400 Gramm schwerer.
16.38: Der ICE fährt ein. Um allen Fahrgästen Sitzplatz bieten zu können, hätte er doppelt so lang sein müssen. Die Situation wird von einem dieser Menschen kommentiert, die allseits bekannte Sprichworte von anderen zu Ende denken lassen, als er verlautet „Außer Spesen.“
Ich denke eher „Einem geschenkten Gaul.“ (mehr…)
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sieht man im neuen Blogtitel. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

